Wie man eine möglichst gute Figur macht

Michael Noll hat zum Jahresbeginn auf seinem Blog Read to Write 10 Exercises for Creating Characters gepostet. Daraus möchte ich eine Auswahl vorstellen und ergänzen.

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Der Standard: die direkte Beschreibung.

Er war so mittelgroß, trug ein schmuddeliges weißes Hemd, an dem ein Knopf fehlte, 10-Euro-Jeans von KiK und braune, unförmige Schuhe, die aussahen wie tote Ratten. Außerdem hatte er extrem hohe Wangenknochen und statt Augen Schlitze. Diese Schlitze waren das Erste, was einem auffiel. Sah aus wie ein Mongole, und man wusste nie, wo er damit hinguckte. Den Mund hatte er auf einer Seite leicht geöffnet, es sah aus, als würde in dieser Öffnung eine unsichtbare Zigarette stecken. Seine Unterarme waren kräftig, auf dem einen hatte er eine große Narbe. Die Beine relativ dünn, der Schädel kantig.

So beschreibt Maik Klingenberg seine erste Begegnung mit seinem späteren Freund und Kumpel Tschick. In wenigen Worten hat Herrndorf nicht nur Tschicks Andersartigkeit (Augen wie Schlitze, hohe Wangenknochen) beschrieben, sondern ihn auch präzise sozial verortet (10-Euro-Jeans von KiK, Schuhe wie tote Ratten).

Man kann aber auch eine Figur einführen, in dem man sie gar nicht in Erscheinung treten lässt. Der Klassiker hierfür  ist Der große Gatsby. Der Roman beginnt mit einem Verwirrspiel, Noll nennt das „Misdirection“.  Nick Carraway befindet sich auf Gatsbys Party, aber der Hausherr ist nirgends zu finden. Stattdessen kursieren die wildesten Gerüchte über ihn. Aus der Summe der Gerüchte formt sich im Kopf der Leserin bzw. des Lesers ein Bild. Was andere von Gatsby halten bzw. was sie ihm zutrauen („Ich wette, er hat jemanden umgebracht“), sagt viel über die Figur aus.

Eine ähnliche Taktik verwendet John Grisham in dem Roman The Litigators (Die Verteidigung). Anstatt die beiden drittklassigen Anwälte, Oscar Finley und Wally Figg, sofort auftreten zu lassen, beschreibt Grisham zunächst die erfolglose Feld-Wald-und-Wiesen-Kanzlei der beiden und sagt damit viel mehr über sie aus, als es jede Beschreibung äußerlicher Merkmale es könnte.

Die Kanzlei Finley & Figg nannte sich gern „Boutiquekanzlei“. Sooft es ging, wurde die irreführende Bezeichnung in Gesprächen wie beiläufig fallen gelassen. Hin und wieder tauchte sie auch in dem Werbematerial für die verschiedenen Aktionen auf, mit denen sich die beiden Partner um neue Klienten bemühten. Geschickt verwendet, suggerierte der Begriff, dass die Kanzlei Finley & Figg mehr war als der übliche Zweimannbetrieb. Boutique, das bedeutete klein, talentiert und auf ein bestimmtes Fachgebiet spezialisiert. Boutique war cool und chic – und das auch noch auf Französisch. Boutique signalisierte: überglücklich darüber, so klein, wählerisch und erfolgreich zu sein.

Bis auf die Größe traf allerdings nichts davon auf die Kanzlei zu. (Aus dem Amerikanischen von Bea Reiter und Imke Walsh-Araya)

Emma Braslavsky charakterisiert in Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen eine ihrer beiden Hauptfiguren, Jivan Haffner Fernández, über die Diskrepanz zwischen dem, was er sich vornimmt, und dem was er letztendlich tut.
Jivan ist auf dem Weg zu einem Dinner mit seiner Frau und deren neuem Chef, der einer einflussreichen Tierschutzgruppe vorsteht.  Jivan hat seiner Frau hoch und heilig versprochen, jeglichen Hinweis auf Tierisches aus seiner Kleidung zu verbannen. Jetzt sorgt er sich, dass er irgendetwas übersehen hat

Seine Hose ist allerdings grenzwertig: Wollanteile und vor allem diese Acrylfaser, nach jedem Waschgang verrecken Meeresbewohner an den Mikroplastikteilchen, und für das Rostbraun haben Hundertausende weibliche Cochenilleschildläuse ihr Leben gelassen. Pardon, Pardon, ich hab’s eben nicht mehr nach Hause geschafft. Jivans Meeting war schneller zu Ende, als er es sich erhofft hat. Er trennt das Etikett ab. Der Zeitrahmen war zu eng, viel zu eng. Dann ging er entgegen seinen Plänen zu Ediz noch einen Döner essen. Na, ich konnte doch nicht mordshungrig hier aufkreuzen! Eigentlich wollte er vorher nach Hause, sich duschen und rasieren, aber er ließ sich noch während des Essens auf ein Online-Poker-Spiel ein.

Eine weitere Methode bezeichnet Noll als „Frame of Reference“ oder philosophischer Bezugsrahmen, der das Handeln der Figur leitet. In ihrem Debütroman The Cutting Room („Dunkelkammer“, deutsch von Wolfgang Müller) lässt Louise Welsh ihre Hauptfigur, den 43jährigen Rilke, Mitarbeiter eines Auktionshauses, gleich zu Beginn seine Lebensphilosophie formulieren

ERWARTE NIE ETWAS.

Das sagte mir ein alter Packer, an meinem allerersten Tag. […]

„Erwarte nie etwas, mein Junge. Erst erzählen sie dir, dass sie aufm Dachboden die Scheißkronjuwelen rumliegen haben, und dann war alles nur Geschwätz. Aber manchmal – nicht oft, klar, nur ab und zu – da kommst du in ein mieses kleines Loch, Sozialwohnung, vielleicht sogar in einem von diesen Hochhauskästen, und genau da stolperst du über einen Schatz.“

Nicht nur kennt man jetzt Rilkes abgebrühte Einstellung zum Leben und weiß, was er beruflich macht, als Leserin bzw. Leser ist zudem völlig klar, dass Rilke natürlich jetzt etwas finden wird. Es ist nur noch die Frage: was. Die Spannung ist aufgebaut.

Aber wie findet man die Weltsicht einer Figur heraus? In The 4 a.m. Breakthrough verwendet Brian Kiteley die “zwölf Gebote” aus Gretchen Rubins Happyness Project, um eine glückliche Figur darzustellen. Das kann man umfunktionieren, um die Lebensphilosophie einer Figur zu erkunden. Man fragt sich, wie die eigene Figur wohl zu diesen zwölf „Geboten“ stehen würde. Welche würde sie unterschreiben, welche rundheraus ablehnen. Aus „Sei du selbst“ wird dann vielleicht ein „Wenn ich so genau wüsste, wer ich bin“, aus „Sei höflich und fair“ „Fairness ist für Loser“ usw. Mit dieser Philosophie vor Augen weiß ich als Autorin, ob meine Figur einem Obdachlosen auf der Treppe zur U-Bahn etwas Geld in den Becher wirft oder nicht; ob sie noch groß etwas vom Leben erwartet oder völlig resigniert hat.

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