Schöne Worte über Männlichkeit abseits von Alphatier-Gehabe

In loser Folge bespreche ich an dieser Stelle Beiträge, die mir aufgrund ihrer herausragenden Sprache aufgefallen sind. Mit schöner Regelmäßigkeit tauchen dabei die Buch- und Filmbesprechungen von Dietmar Dath auf. Auch dieses Mal möchte ich mit Dath beginnen und zwar mit seiner Rezension zu Mel Gibsons neuem Film „Hacksaw Ridge“ (FAZ vom 25.1.2017).

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„Abattoir“ von Katja Windau im HIT-Technopark Harburg

Dath beschreibst Gibsons Vision als die einer Männlichkeit

die einerseitst Rasierklingen lutscht wie Bonbons, aber andererseits auch Alten, Kranken und Schwangeren mit gewinnendem Lächeln den eigenen Platz […] anbietet.

Dieses Bild muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen.  Geradezu elegisch fährt Dath dann fort, den aus seiner Sicht großen und zugleich komplizierten Widerspruch des Films sprachlich aufzuzeigen. Er sagt über den Film

Er spaltet einigen seiner Figuren die Schädel und öffnet dabei zugleich dem Publikum die Herzen; er plantscht im Blut und predigt Nächstenliebe; er lässt Knochen knacken und spricht dabei ein wortlos tiefempfundenes Gebet

Das ist schon ziemlich genial, wie Dath den Bogen zwischen Gut (Herzen öffnen, Nächstenliebe) und Böse (Schädel öffnen, im Blut plantschen) aufspannt und gleichzeitig die Kurve kriegt weg vom Kitsch, indem er Grausames (Blut) verniedlicht (plantschen), statt pathetisch überhöht, darüber hinaus noch ein paar Alliterationen unterbringt (Knochen knacken, aber auch plantscht – predigt), um dann schließlich bei der Kernaussage anzukommen (ein wortlos tiefempfundenes Gebet).

Mit derselben Technik, ironischer Distanz, gelingt es Dath auch an folgender Stelle Pathos aufzufahren, ohne in Erhabenheitskitsch abzugleiten. Gibson gelänge es, so Dath,

eine bewusst sinnstiftende Heiligung des Massakers als buchstäblich höhere Gewalt [darzustellen], die den Leuten Wunden aufreißt, in deren Klaffen sich nicht nur Milz, Leber, Galle, Rippen und Sehnen zeigen, sondern auch die wahre ethische Substanz eines bekanntlich aus Lehm geschaffenen Wesens, das weiß, dass es sterben muss

Auch hier bricht der Einschub (bekanntlich aus Lehm geschaffen) das relgiöse Pathos, gleichzeitig zeigt die präzise Beschreibung der Wunden bis zu den freigelegten Sehnen ein derartig konkretes Bild, dass man es kaum mehr aus dem Kopf bekommt. Die Hauptfigur des Films, Desmond T. Doss, zu dem es ein reales Vorbild gibt, zieht in den Krieg, nicht um zu töten, sondern um von diesen zerhackstückten Leibern zu retten, was noch zu retten ist.

Dath schließt seine Ausführungen damit, dass dieser Film eine Vision der Männlichkeit aufzeigt abseits des „strengen Testosterongeruchs irgendwelcher Alphapolitiker“ und sich als

Leben retten, Wunden heilen, Selbstzucht

im Sinne von „vincit qui se vincit“ (es siegt, wer sich besiegt) definiert. Da kann frau nur zustimmen und viele Männer hoffentlich auch.

Der zweite Artikel, der mir aufgrund seiner Sprache aufgefallen ist, stammt von Joachim Mischke. Er lobt in einem Beitrag im Hamburger Abendblatt „Ingo Metzmachers triumphale Rückkehr“. Metzmacher habe mit Musik vor „manisch Aggressiven“ gewarnt. Warnung vor übertriebener Aggressivität scheint zurzeit ein Leitmotiv vieler Beiträge zu sein.

Einen ersten Aha!-Effekt oder Erkenntnisgewinn hatte ich, als Mischke Metzmachers Spezialität als

Konzerte, die mehr sind als die Sortierung von Noten

bezeichnet. Es war mir zuvor noch nie in den Sinn gekommen, Musik als sortierte Noten zu betrachten. Umgekehrt drängt sich nach dem Lesen dieses Satzes natürlich auch sofort die Frage auf: Wie würden denn unsortierte Noten klingen? Und was soll man überhaupt unter „sortiert“ verstehen? Wären Noten, die nach der Tonleiter sortiert wären, noch Musik? Würde man Noten derselben Tonhöhe nacheinander spielen oder immer zuerst eine komplette Oktave auffüllen, bevor man die nächste beginnt? Diese simple Feststellung eröffnet mir völlig neue Denkräume, was das Wesen der Musik betrifft.

Weiter heißt es in dem Beitrag über Alban Bergs drei Orchesterstücke op. 6

ein hauchfein gesponnenes Mobile aus Tönen

Ja, sagt man sich da als Leser, genauso klingt es. Weiter geht’s mit dem „Versuch eines Requiems“ von Karl Amadeus Harmann, den Mischke als ein

in fahl dräuender Düsternis verpackter Hilfeschrei

bezeichnet. Man muss die Musik nicht mögen, um die Sprache zu lieben. Zum letzten Stück, Schostakowitsch‘ Elfter Symphony, schreibt Mischke

[Metzmacher] menetekelt und meißelt ungekünstelt die Zitate aus Volks- und Revolutionsliedern aus dem Orchestersatz heraus, bevor es putinesk losdröhnt

Nicht minder düster aber deutlich gefälliger im Klang ist da der Song „Everyday Is Like Sunday“ von Morrissey. Doch die eingängige Musik täuscht nur den oberflächlichsten Hörer über die in dem Song beschriebene Tristesse hinweg. „Im Herzen der Beton-Finsternis“ betitelt entsprechend Andrea Diener ihren Beitrag in der Pop-Anthologie der FAZ über diesen Song. Genau genommen zieht der Song einen großen Teil seines Gruselfaktors aus der Diskrepanz zwischen heiterem Tonfall und Text

Trudging slowly over wet sand
Back to the bench where your clothes were stolen
This is the coastal town
That they forgot to close down
Armageddon, come Armageddon!
Come, Armageddon! Come!

Ich habe Mitte der Achtziger einige Jahre in England gelebt und kann mich noch gut an das ungläubige Staunen erinnern, als ich zum ersten Mal eines dieser heruntergekommenen Seebäder besuchte. Es war, als ob jemand die Zeit angehalten und eine Glaskugel über den Ort gestülpt hätte, nur dass nicht Schnee herabrieselte, sondern der Staub der 50er Jahre.

Ich wäre zwar nicht so weit gegangen zu fordern

In the seaside town
That they forgot to bomb
Come, come, come, nuclear bomb

aber ich war froh, als ich wieder wegkam. Tristesse ist hochgradig ansteckend und – einmal infiziert – wird man sie schwer wieder los.

In ihrem Beitrag geht Diener auf die architektonischen Anspielungen und Hintergründe des Textes ein und man ist am Ende wieder ein Stückchen schlauer (und gebildeter) als vorher. Um so erstaunlicher ist daher der erste Leserkommentar, in dem der Leser die Autorin fragt, ob sie nicht „zu alt“ sei für solches „Teeniezeugs“. Die Autorin kontert allerdings souverän.

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