Wie erklär ich’s meinem Leser?

Tobias Nazemi vom buchrevier sagte vor Kurzem über Emma Braslavskys neuen Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“

Aber das hier [der Roman] ist wirklich einzigartig. Die Idee für den Roman, der Aufbau, die Charaktere, die ganzen vielen Einschübe, Theorien, Visionen, Orte – all das in dieser Kombination ist wirklich unique, kreativ und außerordentlich gelungen.

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Geschichte Madeiras

Braslavsky streut neben den Erzählsträngen der beiden Hauptfiguren, Jivan und Roana, die Entwicklung eines Wirbelsturms ebenso ein wie das Geschick zweier Aussteiger auf einer einsamen Insel. Ergänzt wird das Ganze durch die Meldungen eines Nachrichtenblogs.

Ich nahm das zum Anlass, um mir genauer anzuschauen, wie das spekulative Genre die Leserin bzw. den Leser möglichst schnell in eine häufig völlig fremde Welt einführt. Ich war überzeugt, diese Art von Collagetechnik, wie sie Emma Braslavsky verwendet, im spekulativen Genre schon häufiger angetroffen zu haben.

In dem Action-betonten Genre geht es meist direkt zur Sache. So beginnt der erste Roman aus Dmitry Glukhovskys Metro-Trilogie folgendermaßen

„Wer war das? Artjom, sieh nach!“ – Unwillig erhob sich Artjom von seinem Platz beim Feuer, rückte sein Sturmgewehr nach vorne und ging auf die Dunkelheit zu. Am äußersten Rand des beleuchteten Bereichs blieb er stehen, entsicherte geräuschvoll und rief heiser: „Stehen bleiben! Parole!“

Damit ist die Situation (Bedrohung), Hauptfigur (Artjom, nicht derjenige, der das sagen hat) und Stimmungslage (Dunkelheit, äußerster Rand des beleuchteten Bereichs) klar. Das Besondere an dieser Romanserie: Nach einem verheerenden Krieg haben sich die letzten Überlebenden in der Moskauer U-Bahn verschanzt.

Jedes Grüppchen kocht dort sein eigenes (autoritäres) Süppchen und herrscht über die jeweils unter seiner Protektion stehenden Metro-Stationen. Die Oberfläche ist verseucht und wird von Mutanten heimgesucht. Der einzige Schutz der Menschen: mächtige Stahltüren an den Eingängen zur Metro.

In der letzten Zeit häufen sich allerdings ominöse Zwischenfälle, die darauf hindeuten, dass es einem bisher  unbekannten Wesen gelungen ist, in die Metro einzudringen. Artjom soll diese Wesen daran hindern, die Menschheit auszurotten.

Ein originelles Setting. Im ausklappbaren Umschlag befindet sich dann auch eine Karte der Moskauer Metro in zwei verschiedenen Vergrößerungen mit einer entsprechenden Legende. Es gibt in der Zwischenzeit auch (mindestens) ein Computerspiel dazu, das ebenfalls recht unterhaltsam ist.

Nach dem dramatischen Einstieg (s.o.) erfährt die Leserin dann Genaueres am sprichwörtlichen Lagerfeuer, wenn einer der Gefährten Artjoms die Geschichte von einem Vorfall an der Poleschajweskaja-Station der Moskauer Metro berichtet. Insgesamt liest sich das Buch sehr flott und ist nicht zuletzt aufgrund der ungewöhnlichen Kulisse sehr unterhaltsam. Einziges Manko im ersten Band: Irgendwo nach Seite 600 fiel mir auf, dass keine einzige Frau in dem Buch vorkommt. Das ist selbst für einen Action-Roman ungewöhnlich. In der Regel gibt es wenigstens eine mütterliche Figur oder eine Hure mit Herz. Im zweiten Band (Metro 2034) gibt es dann auch Frauen. Metro 2035 habe ich noch nicht gelesen.

Accelerando von Charles Stross, von dem The Economist einmal sagte, er beschreibe Verbrechen, die es noch gar nicht gebe,  ist ein Roman über die „schleichende Machtübernahme der künstlichen Intelligenz“. Das Thema bringt es mit sich, dass sehr viel, sehr neuartige Technologie vorkommt. Stross streut kurzerhand in neutraler Sprache verfasste Erklärtexte ein, die auch  optisch hervorgehoben sind, um dem Leser die nötigen Informationen zukommen zu lassen.

Diese Technik, Hintergrundinformationen zum Geschehen einen neutralen Beobachter erzählen zu lassen, verwendet auch Sansal Boualem in seinem Roman 2084 (mehr dazu hier). Aber auch in „realistischen“ Texten findet diese Methode Verwendung wie zum Beispiel in Anita Desais Roman „Der Hüter der wahren Freundschaft“ (In Custody). Ein großartiger Roman über den vielleicht sympathischsten Loser der Literatur.

Margaret Atwood kontrastiert in ihrer Dystopie The Handmaid’s Tale (Der Report der Magd)

Die provozierende Vision eines totalitären Staats, in dem Frauen keine Rechte haben (Klappentext)

in der sich die Ich-Erzählerin befindet, mit deren Erinnerung. Atwood beginnt mit einer Beschreibung, die bereits ahnen lässt, welche düstere Welt sich hier dem Leser oder der Leserin auftut. Die Ich-Erzählerin berichtet von der Unterbringung in einer ehemaligen Turnhalle, Bilder von improvisierten Lagern nach einer Katastrophe tun sich auf. Die Dienerin Desfreds erzählt von vergangenen Basketballturnieren, erinnert sich an Musik, den Geruch von Kaugummi, Gelächter – an bessere Zeiten, bevor sie ihren minutiös geregelten Alltag schildert.

Wie es zu dem Umsturz und der Errichtung des repressiven „Staates Gilead“ kam, handelt Atwood bemerkenswert knapp ab

„It was after the catastrophe, when they shot the President and machine-gunned the Congress and the army declared a state of emergency. They blamed it on the Islamic fanatics, at the time.

Keep calm, they said on television. Everything is under control.

I was stunned. Everyone was, I know that. It was hard to believe. The entire government, gone like that. How did they get in, how did it happen?

That was when they suspended the Constitution.”

Den Schluss bildet ein Epilog, der rund 150 Jahre später spielt. Wissenschaftler debattieren über den Wahrheitsgehalt von Desfreds Aufzeichnungen.

Mehrere Erzählperspektiven sind ein weiteres, gängiges Mittel, um vielfältigen Informationen und vor allem auch Interpretationen unterzubringen. Ein sehr außergewöhnliches Beispiel dafür stellt der Roman „Telluria“ von Vladimir Sorokin dar. Laut FAZ eine

eine postsowjetische, posthumane Dystopie mit retrofuturistischen Zügen

Neben Kleinstaaterei, Talibanherrschaft in Köln, dem Wiederaufleben der Sowjetunion als stalinistischer sozialistischer Zwergrepublik, geht es vor allem um das Tellur. Um

diesen Glückstoff, der zu Nägeln gemacht und in die Köpfe gehämmert wird, dreht sich das Tun und Trachten aller Figuren des Romans (Klappentext)

Dazu lässt Sorokin Zwerge zu Wort kommen, Fürsten bei einer Jagd und Reporter vom Kölner Karneval, jeder mit seinem ganz eigenen Erzählstil. Passagen wie diese

Wenn aber dereinst Vergelt fordert der Topmanager des Gossudaren, zum Ruhme der KPdSU und aller Heiligen, zum Wohle des Volkes und nach Gottes alleinigem Willen, auf Geheiß des internationalen Imperialismus, mit Verweis auf den aufgeklärten Satanismus, im Schweiß des rechtgläubigen Patriotismus, im unverbrüchlichen Konsens und Seelenfrieden mit der Finanzexpertise nach kapitalistischem Pi mal Daumen, …

wechseln sich mit solchen

„Richard, Bereitschaft 7!“ Samiras Stimme singt im rechten Ohr von Richard.

Er kämpft sich durch die lärmende Karnevalsmenge, während in seinem rechten Ohr Ziffern piepen, die nacheinander in seinem rechten Auge rot aufblitzen. Dann beginnt er die Reportage.

oder solchen ab

Um Viertel nach sechs trat sie aus ihrer Haustür, und mein Herz zog sich zusammen: Bei ihrem ersten Anblick von Weitem war ich bestürzt, ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie so klein sein würde, so zerbrechlich und winzig; kaum ein Schulmädchen, eher schon ein Däumling, ein Märchenwesen, eine wundervolle Elfe mit grauem Mützchen und kurzem schwarzen Mäntelchen, so kam sie mir über die Gorochow-Gasse entgegen.

Kein Wunder, dass Kiepenheuer & Witsch, ein achtköpfiges Kollektiv für die Übersetzung ansetzte.

Im Vergleich dazu scheint ein Roman wie Cloud Atlas von David Mitchell (deutsch: Der Wolkenatlas, verfilmt von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern) geradezu ruhig daherzukommen. Dabei ist er äußerst komplex konstruiert. Jede der sechs Perspektiven ist  mit mindestens einer der anderen über eine Figuren, Erinnerungen oder direkte Bezüge wie Briefe verbunden. Am Scheitelpunkt des Buches wie auch des Geschehens befindet sich ein Verhörprotokoll.

Mit derartigen Einschüben arbeiten auch andere Romane, wobei diese immer auch den technologischen Stand zur Zeit der Entstehung des Romans reflektieren. So verwendet Jewgeni Samjatin in Wir noch Zeitungsnotizen, in Total Recall (1990), der Verfilmung einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick,  bringt (Fernseh-)Werbung den Leser bzw. den Zuschauer auf den Stand der Dinge. Emma Braslavky verwendet Blogeinträge und Eugen Ruge in „Follower“ (siehe auch hier) Tabellen  und Statistiken über Nutzerverhalten und deren Persönlichkeitsprofile.

Im Gegensatz zu meiner ursprünglichen Annahme, habe ich allerdings niemanden gefunden, der all diese Techniken kombiniert und in derartiger formaler Stringenz durchzieht wie Emma Braslavsky. Tobias Nazemi hat also recht, wenn er Braslavskys Roman „einzigartig“ nennt.

Eine weitere, ausführliche Besprechung von Emma Braslavskys „Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“ findet sich bei Zeilensprünge.

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