Durch die Blume gesagt

Vor Kurzem habe ich auf The Millions in einen Essay von Charles Halton gelesen, wie sich die Autorin Lydia Davis selbst norgwegisch beigebracht hat. In mühsamer Puzzlearbeit hat sie sich dabei den Roman Telemark Novel von Dag Solstad erschlossen, laut Halton ein Text

devoid of any action or drama (in etwa: frei von jeglicher Handlung oder Spannungselementen)

einer Art Ahnengschichte Solstads, der aus Telemark stammt (der Ort mit der Kniebeuge-Skifahr-Technik). Im Wesentlichen handelt es sich dabei um eine Aufzählung von Geburten und Todesfällen, Hochzeiten sowie Kauf- und Verkauf von Grundstücken und Immobilien.

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In mühsamer Kleinarbeit hat sich Davis Wortlisten erstellt, Begriffe aus dem Kontext erschlossen und sich so durch das 426 Seiten-Werk gebissen. Einiges blieb trotzdem im Unklaren, aber diese Art von „Slow Reading“ bringt – analog dem Slow Food – eine tiefere Auseinandersetzung mit Sprache als das schnelle Hinunterschlingen von Seiten. Außerdem hat Davis dabei so manches über ihre eigene Sprache (Amerikanisch) gelernt. Warum man als Autorin oder Autor stets ein Lexikon in Griffweite – am besten auf dem Stillen Örtchen – haben und regelmäßig darin blättern sollte, erklärt David Foster Wallace in Quack This Way.

Die Autorin Jhumpa Lahiri ging genau den umgekehrten Weg wie Davis, als sie beschloss, Italienisch zu lernen. Sie deckte sich mit Lehrbüchern ein, engagierte einen Tutor und zog schließlich mit ihrer Familie nach Rom. Lahiri hatte sich nie sprachlich so richtig zu Hause gefühlt. Ihre in Indien geborene Mutter brachte ihr Bengalisch bei, aber Lahiri lernte nie es zu schreiben, und Englisch ist lediglich ihre Zweitsprache. Deswegen beschloss Lahiri Klarschiff zu machen und sich in einer ganz neuen Sprache einzurichten. Das ist ihr offensichtlich sehr gut gelungen. In der Zwischenzeit veröffentlicht sie auch auf Italienisch.

Dass die eigene Sprache nicht immer ausreicht, die Vielfalt menschlicher Gefühle auszudrücken, versucht das Positive Lexicography Project nachzuweisen. In der Liste ist „mbuki-mvuki“, der unwiderstehliche Drang

während des Tanzens die Kleider abzuwerfen

ebenso aufgeführt wie „gigil“ (mein persönliche Gefühlsfavorit), sprich: wenn man nicht an sich halten kann und einen geliebten Menschen (oder Menschlein) einfach knuddeln muss. Man lernt dabei auch, dass man sich besser keinem Finnen in den Weg stellt, der gerade „sisu“ ist, ein Gefühl

of extraordinary determination in the face of adversity (also eine Art Betonkopf in sympathisch)

Wie blumig oder „stellar“, wie die Briten sagen würden, Literatur und vor allem Romananfänge sein können, untersucht Nicholas Rougeux. Er zerlegt Romananfänge nach ihrer grammtischen Struktur und Wortlänge, um sie anschließend zu Sternenkonstallationen zusammenzusetzen. Robinson Crusoe sieht nach der Analyse wie ein feiner Nebel aus, das Dschungelbuch hingegen zeigt wenige Sterne, die um ein paar kräftig leuchtende herum organisiert sind.

Auf Dear Data zeigen eine Italienerin in New York und eine Amerikanerin in London, wie man durch Blumen „spricht“ (man lacht – Woche 42) und wie blumig Unentschiedenheit aussehen kann (Woche 36). Eine Anleitung zum Mitmachen gibt es ebenfalls.

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