Franka Bloom: Anfang 40 – Ende offen

Das erste Mal ist immer etwas Besonderes. Und deswegen ist diese Buchbesprechung heute etwas Besonderes. Normalerweise suche ich mir aus Büchern das heraus, was gerade zu meinem Thema passt, und drücke mich so vor der Arbeit, die eine ausführliche Buchbesprechung bedeutet. In diesem Fall habe ich aber das Rezensionsexemplar vorab vom Verlag bekommen. Außerdem kenne ich die Autorin persönlich und schätze sie sehr. Ich bin also voreingenommen. Und schließlich kenne ich mich mit romantischen Komödien nur wenig aus und betrete somit auch inhaltlich Neuland.

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Nach dieser Vorrede, jetzt zur Sache. Der Klappentext gibt eine erste Einstimmung in das Thema

Ich liege im Bett und wälze mich herum. An Schlaf ist nicht zu denken.
Ich will meine voreheliches Leben zurück, mein freies Leben. Das, in dem ich allein Entscheidungen für mich treffe, ohne Rücksicht auf Kind, Mann oder sonst wen. Mit dem heutigen Geburtstag wollte ich einen Schlussstrich unter die letzten 25 Jahre ziehen – mein persönlicher Unabhängigkeitstag. Von heute an wieder tun und lassen, was ich will und wann ich will. Im ganzen Haus laut Songs von Bon Jovi und Robbie Williams mitgrölen ohne dass sich meine Tochter Greta bei den Nachbarn für mich schämt. Für niemanden mehr kochen müssen. Ohne Erklärungen kommen, gehen und schlafen, wann ich will und mit wem ich will. Nächte durchmachen wie damals auf der Uni.
Aber mein Plan geht nicht auf. Greta will nicht ausziehen und Sven sich nicht scheiden lassen. Mir wird klar, dass ich es den beiden viel zu leicht mache, indem ich kaum Widerstand leiste. Das muss ich ändern. Vor allem wegen Paul…

Ein Roman über die Suche nach sich selbst, über alte Träume, neue Wege und das große Glück.

Eine Frau in bereits fortgeschrittenem Alter – kurz vor ihrem 46. Geburtstag – will also nochmal durchstarten und ihre neu gewonnene Freiheit genießen. Das geht gründlich und auf eine für die Leserin sehr unterhaltsame Art schief. Da ist zunächst einmal das Thema „Alter“, das für (viele) Frauen ein großes und belastendes Thema ist. Entsprechend beginnt der Prolog

Mit dem Alter ist das so eine Sache. Unser Umgang damit ist verwirrend, irritierend, zuweilen sogar verlogen.

Das setzt das Thema, ist zugleich aber so unmittelbar formuliert, so nüchtern das eigene (verlogene) Verhalten sezierend, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, als spreche eine echte Person aus Fleisch und Blut und nicht eine fiktionale Figur direkt zu mir. In diesem Prolog wird eine Nähe erreicht, die mich kurz den Atem anhalten ließ. Hier schaue ich direkt in den Kopf eines anderen Menschen. Sehr beeindruckend. Nebenbei habe ich etwas über Kniespeck gelernt und erkenne in den knubbeligen Knien des Flamingos die feine Ironie des Buchcovers.

Aber nicht nur der Kniespeck bereitet Probleme. Auch sonst geht Veras Plan nicht auf. Gleich in der ersten Szene verpasst sie fast die eigene Scheidung, nur um dann zu erfahren, dass ihr Noch-Gatte Sven sich wegen „Dünnschiss“ entschuldigen lässt. Darüber hinaus fühlt sich die Tochter Greta im Hotel Mama durchaus wohl und dann taucht da auch noch dieser jugendliche, unverschämt gut aussehende Paul auf.

Wie man es vielleicht von einer Drehbuchautorin erwartet, ist die Geschichte flott geschrieben und nimmt rasant an Fahrt auf. Die Figuren sind interessant und vielschichtig. Vera ist keineswegs immer sympathisch und ihr Noch-Mann Sven nicht die Inkarnation des Bösen. Geschickt verwendet Franka Bloom die verschiedenen Frauenfiguren, um unterschiedliche Lebensentwürfe durchzudeklinieren. Da sind zum einen die beiden Freundinnen Veras, Bea und Ursel, letztere zweimal geschieden und Single, erstere lebt in einer Art offenen Beziehung mit ihrem Mann. Dann ist da Veras Mitarbeiterin – Vera betreibt eine Event-Agentur -, die wenige Wochen nach der Geburt ihres Kindes im Büro anklopft und zumindest stundenweise wieder arbeiten will. Nicht zu vergessen Veras lebenslustige Mutter.

Bloom spielt mit Klischees, zum Beispiel wenn sie den bekannten Werbespot der Sparkassen umdefiniert in

Mein Haus, mein Auto, mein Mann

oder wenn sie Vera über die Ehe ihrer Eltern sagen lässt

Die Ehe hielt, doch die Liebe verduftete sprichwörtlich

Dieser schnoddrig-ironische Tonfall Veras macht einen Großteil des Lesegenuss‘ aus. Über ihren Noch-Mann sagt sie zum Beispiel

Mein Mann trug mich trotz der Stimmungsschwankungen, Wassereinlagerungen und 24 Kilo Mehrgewicht [während der Schwangerschaft] auf Händen

jetzt jedoch scheint ihm seine neue, deutlich jüngere Flamme vor allem

multiple Bestätigung und multiple Orgasmen

zu besorgen.

Generell finde ich die Figuren sehr unterhaltsam und gegen den Strich gebürstet. Vera mag Steaks und hasst Sport-Kurse

Am schlimmsten war der Trainer, der die Meute [zu aggressiv bassbetonter Musik] schreiend antrieb wie ein Sklaventreiber auf einer Galeere und dabei cholerisch spuckte.

Sie ist keine Übermutter, aber sie schmierte trotzdem täglich das Pausenbrot. Es gibt Pavel, der schwul ist und das Café betreibt, in dem sich Vera und ihre Freundinnen regelmäßig treffen, mit seiner eigenen, traurigen und zugleich anrührenden Liebesgeschichte. Es gibt einen Imbissbuden-Besitzer, wobei es eigentlich Gourmet-Food-Truck-Besitzer heißen müsste, so lecker klingt das Essen. Und dann ist da Paul

Der Typ ist ein Klischee. Ein Abziehbild aus einer Daily Soap. Sportlich, jugendlich, lässig, sexy. In einem amerikanischen College-Film wäre er der strahlende Footballheld, den ein schreckliches Schicksal erleidet. In einem europäischen Film wäre er der Traum aller Lolitas. Kein Wunder, bei der Fächerkombination Sport und Französisch.

Paul ist aber auch ein Messie und macht sein Fahrrad auch schon mal in der Badewanne sauber.

Die Figuren sind erfrischend „ehrlich“. Vera gesteht zum Beispiel, früher auch gekifft zu haben. Insgesamt vermittelt der Roman ein urbanes Lebensgefühl, das mir persönlich sehr gut gefällt.

Und wie steht’s jetzt mit dem Älterwerden? Im wahren Leben spricht die Statistik Bände. Man kennt die Bilder aus der Klatschpresse vom älteren, oft wohlhabenden Mann, der mit einer deutlich jüngeren Frau liiert ist. Außer bei den Franzosen, da geht immer auch noch was anderes. Wie die  FAZ über den französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron  und dessen Frau schrieb

Das Volk liebt dieses Paar – gerade wegen seines ungewöhnlichen Altersabstandes

Brigitte Trogneux ist 24 Jahre älter als ihr Mann. Und wie es Vera mit dem Älterwerden ergeht, finden die Leserinnen und Leser am besten selbst heraus.

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