Begrenzt glücklich

Ich mag formale Begrenzungen. Ich finde, es hat seinen ganz eigenen Reiz, einer Formvorgabe das Besondere abzuringen, trotz Korsetts, Spielräume zu entdecken. Deswegen fasziniert mich auch Genreliteratur (und weil sie oft sehr unterhaltsam ist).

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Aber auch ein Korsett kann man unterschiedliche eng schnüren. Am einen Ende des Spektrums befinden sich die Heftromane. Eine ausführliche Beschreibung des „Rezepts“ für Heftromane inklusive der Ansprüche z.B. an Schreibgeschwindigkeit, die erforderlich sind, will man in diesem Bereich erfolgreich sein, liefert Anna Basener – Heftromane schreiben und veröffentlichen. Wesentlich flexibler ist da das Krimigenre. Selbst Peter Handke, keiner der üblichen Verdächtigen was Genreliteratur betrifft, hat mit der Krimistruktur experimentiert.

Bei James Bond zum Beispiel lassen sich die Elemente der Story klar benennen: Finsterer Bösewicht, der die Welt vernichten will, eine schöne Frau mit „hidden agenda“, mindestens ein Aston Martin.  Trotzdem gibt es genügend Spielraum, um die Figur mit einem Pierce Brosnan und einem Daniel Craig – und wer weiß, vielleicht auch mal einem Idris Elba – zu besetzen. Umberto Eco hat der James-Bond-Erfolgsformel einen ganzen Aufsatz gewidmet (Umberto Ecos Artikel: Narrative Structures in Fleming). Warum Idris Elba vielleicht trotzdem nicht für die Rolle des James Bond geeignet ist, erläutert der südafrikanische Comedian Trevor Noah.

Vor Kurzem bin ich auf eine Abhandlung von John G. Cawelti – Adventure, Mystery, and Romance von 1976 gestoßen, in der der Autor, der Frage nachgeht, wie viel Kunst in formelhafter Literatur stecken kann. Für Cawelti ist Genreliteratur mehr als nur schnelles Unterhaltungsfutter oder Opium für am eigenen Leben (Ver-)Zweifelnde. Für ihn sind „formulaic stories“ oder formelhafte Geschichten

artistic constructions created for the purpose of enjoyment and pleasure

Unterhaltung ja, aber eben auch mit einem künstlerischen Anspruch. Um seine These zu untermauern, untersucht Cawelti die Genres Western, den klassische Detektivroman, die hartgesottene Variante desselben („hard-boiled detective story“) und das Melodram. Cawelti zitiert die Worte eines Kollegen, um das Spannungsfeld zu umreißen, in dem sich die Genreliteratur (und der Mensch ganz allgemein) bewegt

Man has two primal needs. First is a need for order, peace, and security, […] for a familiar and predictable world, and for a life which is happily more of the same …. But […] man positively needs anxiety and uncertainty, thrives on confusion and risk, wants trouble, tension, […] mystery, […] is sometimes happiest when most miserable. Human spontaneity is eaten away by sameness: man is the animal most expert at being bored.

Zusammengefasst: Der Mensch will zwar Sicherheit und Ordnung, aber wenn das Leben nur vor sich hinplätschert, wird es schnell langweilig. Auf die Genreliteratur übertragen bedeutet das

Much of the artistry of formulaic literature involves the creator’s ability to plunge us into a believable kind of excitement while, at the same time, confirming our confidence that in the formulaic world things always work out as we want them to.

(In etwa: Ein Großteil der Kunstfertigkeit formelhafter Literatur besteht darin, dass der Autor uns Leser in eine glaubhaft aufregende Welt versetzen kann, gleichzeitig uns aber das sichere Gefühl gibt, dass in dieser Welt die Dinge letztendlich die von uns gewünschte Wendung nehmen werden).

Im Gegensatz zur „mimetischen“, d.h. die Wirklichkeit abbildenden Literatur, die die Leserin oder den Leser mit den eigenen Schwächen konfrontiert, lässt die Genreliteratur den Leser aus sich heraustreten und zum besseren Selbst werden.

Cawelti zeigt überzeugend auf, wie formelhafte Literatur die Strömungen der jeweiligen Zeit, in der sie verfasst wurde, aufgreifen und verarbeiten. In Zeiten zweifelhafter Moral und ausufernder Korruption, liegt Genugtuung in der Figur des Racheengels, des „Enforcers“, der das Widerherstellen von Gerechtigkeit in die eigene Hand nimmt. Als Beispiel dafür führt Cawelti die Travis McGee-Romane von John Macdonald auf.

Ich kenne zwar Macdonald vom Namen, habe aber noch nichts von ihm gelesen. Deswegen habe ich mir gleich den ersten Roman in der Serie, „The Deep Blue Goodbye“ (deutsch: Abschied in Dunkelblau) vorgenommen. Klar, man merkt dem Roman an, dass er vor über fünfzig Jahren geschrieben wurde. Trotzdem ist eine Figurenbeschreibung wie die folgende nach wie vor beeindruckend

Willy Lazer is an acquaintance. His teeth and his feet hurt. He hates the climate, the Power Squadron, the government and his wife. The vast load of hate has left him numbed rather than bitter. In appearance, it is as though somebody bleached Sinatra, skinned him, and made Willy wear him.

(In etwa: Willy Lazer ist ein Bekannter. Seine Zähne tun ihm weh und seine Füße. Er hasst das Klima, die Leute vom Power Squadron, die Regierung und seine Frau. Diese Riesenmenge Hass hat ihn eher abgestumpft als verbittert. Was sein Aussehen betrifft sieht er aus, als ob jemand Sinatra ausgebleicht, dann gehäutet und dann Willy übergeworfen hätte.)

Es lohnt sich also, nochmals die alten Bücher aus dem Regal zu holen (oder sich auf den Kindle runterzuladen).

Dass das Thema Genreliteratur alles andere als „ausgelutscht“ ist, sieht man an dem vor ein paar Jahren plötzlich aufgetauchten neuen Genre der Young Adult Novel oder YA (Stichwort: Die Tribute von Panem). Der Begriff ist wesentlich enger umschrieben als die deutsche Übersetzung mit „Jugendliteratur“ vermuten lässt. In der Zwischenzeit gibt es die Bausteine eines YA-Romans sogar schon als Infografik.

 

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