Das Dritte Reich des Traums

Der Suhrkamp Verlag hat letztes Jahr Charlotte Beradts Klassiker der Traumdokumentation „Das Dritte Reich des Traums“ neu herausgegeben.

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Coverfoto (c) Suhrkamp

Das Buch, das erstmals 1966 erschien, enthält eine Ansammlung von Träumen „ganz normaler Menschen“ (meine Formulierung), die die Autorin zwischen 1933 und 1939 aufgeschrieben hat. Beradt war überzeugt, dass diese Träume

die Wirkung äußeren politischen Geschehens im menschlichen Innern minuziös auf[zu]zeichnen wie ein Seismograph

„Nutzießer des Regimes oder begeisterte Jasager“ ließ sie außen vor. Stattdessen befragte sie „Schneiderin, Nachbar, Tante, Milchmann, Freund“. Sie „maskierte“ die Träume – sprach von Onkel Hans statt von Hitler, von Grippe statt von Verhaftung und versteckte ihre Aufzeichnungen im Rücken einzelner Bücher. Später sandte sie die Notizen „an verschiedene Adressen in verschiedenen Ländern“, wo sie sie nach ihrer eigenen Emigration einsammelte und eine Auswahl unter dem Titel „Träume unter der Diktatur“ veröffentlichte.

Die Sammlung beginnt mit dem Traum eines Fabrikbesitzers, ein „aufrechter, selbstbewußter, fast despotischer Mann“, dessen Lebensinhalt sein Betrieb war. Er träumte

Goebbels kommt in meine Fabrik. Er läßt die Belegschaft in zwei Reihen, rechts und links, antreten. Dazwischen muß ich stehen und den Arm zum Hitlergruß heben. Es kostet mich eine halbe Stunde, den Arm, millimeterweise, hochzubekommen. Goebbels sieht meinen Anstrengungen wie einem Schauspiel zu, ohne Beifalls-, ohne Mißfallensäußerung. Aber als ich den Arm endlich oben habe, sagter fünf Worte: ›Ich wünsche Ihren Gruß nicht‹, dreht sich um und geht zur Tür. So stehe ich in meinem eigenen Betrieb, zwischen meinen eigenen Leuten, am Pranger, mit gehobenem Arm. Ich bin körperlich dazu nur imstande, indem ich meine Augen auf seinen Klumpfuß hefte, während er hinaushinkt. Bis ich aufwache, stehe ich so.
Wie Beradt so präzise formuliert: „Er muß sich in seinem Betrieb, mit dem er identisch ist, entwürdigen und entwerten.“
In elf Kapiteln beschreibt Charlotte Beradt, wie sich die Mechanismen der Gleichschaltung in den Träumen der Menschen niederschlagen, wie der im Wortsinn totalitäre Anspruch des Regimes sich bis in die Traumlandschaften erstreckt. Sie zeigt anhand der geschilderten Träume auf, wie aus ersten, kleinen „Unterlassungssünden“
allmählich der Prozeß der Willensschrumpfung und am Ende die totale Atrophie werden sollte
Was mich dabei besonders beeindruckt hat, ist wie Metaphern, deren bildlicher Ursprung häufig bereits verblasst ist, in diesen Träumen als Bilder wieder aufleben.
Aus „sprachlos“ werden Menschen ohne Münder, aus etwas, das „bleischwer“ auf mir lastet, wird das Bild der Träumenden, die sich im flüssigen Blei versteckt. Die Menschen werden „ver-rückt“ im Sinne des Wortes. Eine Bibliographin schildert ihren Traum folgendermaßen
„Ich will eine Bekannte aufsuchen, die, sagen wir, ‚Klein‘ heißt, entdecke aber auf der Straße, daß ich ihre genaue Adresse vergessen habe. Ich gehe in eine Telefonzell, um sie nachzuschlagen, schlage aber aus Vorsicht unter einem ganz anderen Namen, sagen wir, ‚Groß‘ nach, was ja“, setzte sie, deren Beruf Nachslagen war, von allein hinzu, „sinnlos war.“

Ein andere ruft im Traum im Polizeipräsidum an, um sich zu beschweren, und sagt kein Wort.

Ein beeindruckendes, auch bedrückendes Buch, das man als Zeitzeugnis lesen kann, als Dekonstruktion von Sprachbildern und als Anleitung zum genauen Hinsehen (Stichwort: Erste Unterlassungssünde).

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