Laurent Binets Linguistenkrimi

Vor Kurzem schrieb die FAZ über die neue „Unlust am Lesen“. Sie zitierte einen kanadischen Literaturkritiker, der nicht nur bei vielen Prominenten öffentlich bekundetes Nichtlesen beklagte, sondern gerade auch bei den „Schatzmeistern der Kultur“, also all denjenigen, die sich von Berufs wegen mit Literatur und Sprache beschäftigen. Einige Experten entwickelten sogar die sogenannte Technik des „Fernlesens“ (so auch der Titel der Kolumne)

die computersgestützte quantitative Markroanalyse großer Textmengen

statt selbst zu lesen. Damit kommt man bei dem neuen Roman von Laurent Binet nicht weiter.

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Coverfoto (c) Rowohlt

Die siebte Sprachfunktion“ (Übersetzung von Kristian Wachinger) ist eine Art Linguistenkrimi und kurzer Abriss der Wissenschaft der Zeichensysteme, der Semiotik, zugleich. Alles was Rang und Namen hat in der damaligen Diskussion Strukturalismus, zu dem die Semiotik gehört, vs. Poststrukturalimsus taucht in dem Roman auf.

Michel Foucault, ein „Glatzkopf mit Rollkragenpulli und Jackett“ und Jean-Paul Sartre, „ein Mann […] der durch dicke Brillengläser schielt“, genauso wie Julia Kristeva,

klein, kurzes Haar, energisch, umrahmt von zwei Männern, einer im weißen Hemd, die oberen Knöpfe offen, im langen schwarzen Mantel, sein schwarzes Haar weht im Wind [Philippe Sollers], der andere ein Vogelkopf, Zigarettenspitze zwischen den Lippen, beiges Haar [BHL oder Bernard-Henri Lévy]

und natürlich Roland Barthes.

Mit dessen Unfall im Februar 1980 beginnt der Roman. Barthes wurde von einem Lieferwagen angefahren und erlag einen Monat später seinen Verletzungen. Binet strickt daraus einen Krimi und schickt seinen intellektuell ziemlich unbedarften Kommissar Jacques Bayard in die Poststrukturalisten-Szene des Paris der 1980er. Es ist Wahlkampf und Barthes hatte vor seinem Unfall mit François Mitterand zu Mittag gegessen. Bayard soll nun herausfinden,

ob Barthes vielleicht bei Mitterad zu viel getrunken oder ob er etwa an einer Sadomaso-Orgie mit Hunden teilgenommen hat

In anderen Worten: Der Kommissar soll schauen, ob sich dem sozialistischen Präsidentschaftskandidaten etwas anhängen lässt. Doch dann erfährt er, dass jemand Barthes nach dem Unfall die Brieftasche entwendet hat. Und er weiß, was er in dem Krankenzimmer gesehen hat

In Barthes‘ Augen war – Angst

Ich bin keine Literaturwissenschaftlerin, insofern entgehen mir sicherlich eine Reihe der Bezüge und Anspielungen in diesem Roman, aber es ist trotzdem sehr amüsant zu lesen, wie sich der Kommissar einen jungen Dozenten schnappt, um das „Rolandbarthische“ zu übersetzen.

Welche ‚Regelung‘ verriegelt, umschließt organisiert, ordnet die Ökonomie deines Pragmas als Bedeckung und/oder Ausbeutung deiner Ek-sistenz?

Hauptsprachlich: Was machen Sie beruflich?

Simon Herzog erweist sich als einem Sherlock Holmes durchaus ebenbürtig. Ein gründlicher Blick und der junge Dozent hat den Kommissar soziologisch festgenagelt

Sie haben am Algerienkrieg teilgenommen, Sie waren zweimal verheiratet, Sie haben sich von Ihrer zweiten Frau getrennt, Sie haben eine Tochter, die noch nicht zwanzig ist und zu der Sie ein schwieriges Verhältnis haben, Sie haben bei der vorigen Präsidentschaftswahl in beiden Wahlgängen für Giscard gestimmt, und Sie werden bei der nächsten wieder konservativ wählen, Sie haben eine Kollegen in Ausübung seines Dienstes verloren, vielleicht durch Ihr Verschulden, jedenfalls machen Sie sich Vorwürfe deshalb und sind darüber nicht mit sich im Reinen, aber Ihre Vorgesetzten sind zu der Einschätzung gelangt, dass es nicht im Berich Ihrer Verantwortung lag. Und Sie haben den neuesten James Bond im Kino gesehen, obwohl Sie eigentlich einen gute Maigret im Fernsehen oder die Filme mit Lino Ventura vorziehen.

Abgesehen davon, dass Simons penible Herleitung dieser Einschätzung beeindruckt – so leitet er zum Beispiel aus der Tatsache, dass der Kommissar niemals den Rücken zur Tür oder zum Fenster wendet, dessen militärische Ausbildung ab – , ist das eine äußerst effiziente Methode, um die Figur des Kommissars zu charakterisieren, ohne dass der Leser das als Infodumping empfindet.

Kurz gesagt, geht es in dem Roman darum, dass Roland Barthes eine Beschreibung der sogenannten siebten Sprachfunktion bei sich trug, als er überfahren und anschließend beraubt wurde. Diese bis dato unbekannte Sprachfunktion soll es dem Anwender ermöglichen, andere Menschen sofort und nachhaltig zu jeder gewünschten Handlung zu bewegen. In anderen Worten: Der Heilige Gral der Manipulation. Kein Wunder also, dass sich der bulgarische Geheimdienst ebenso wie die gesamte Linguistenkaste, ganz zu schweigen von François Mitterand brennend dafür interessieren. Wer diese siebte Sprachfunktion in Händen hält, dem stehen alle Türen offen, der gewinnt die Wahl.

Es folgt eine rasante Ermittlung, die Bayard und Simon ins Strichermilieu genauso wie in Vorlesungssäle und ins Elysee, von Paris nach Bologna und in die Gewölbe einer geheimen Organisation treibt, die die beiden in unterschiedlichen Konstellationen diversen Sexszenen beiwohnen lässt, sie zu einer Linguistenkonferenz in Ithaca, New York, bringt und schließlich in einem Showdown in Venedig endet.  Es gibt Messer-stechereien und Bombenanschläge, Verfolgunsjagden in Gondolieren und Verstümmelungen. Wer nur auf der Krimiebene lesen will, wird hier reichhaltig bedient.

Wer den Roman (auch) als Einführung in die Linguistik liest, bekommt hier die unterschiedlichen Theorien quasi am Exempel statuiert. An einer Stelle wird Umberto Eco zitiert und was der über den

Status fiktiver Personen, die er ’supernumerarsich‘ nennt

zu sagen hat. Kurz darauf befinden sich Simon und Bayard auf einer Linguistenkonferenz in Ithaca – die stattgefunden hat – und ein Professor Morris J. Zapp erscheint im röhrenden Sportwagen. Im Gegensatz zu allen anderen Vortragenden der Konferenz, die real existieren bzw. existierten, ist Zapp eine Figur aus dem Roman Ortswechsel von David Lodge. Der theoretischen Einführung folgt das praktische Beispiel auf den Fuß.

Es ist beeindruckend, wie gut es Binet gelingt, seine Sprache „milieugerecht“ anzupassen. Die Überlegungen des Stricherjungen Said

Im Kopf überschlägt er, wie viele Nummern er im Scheißhaus des Adamantium abziehen muss, bis er das Geld für sein Gramm Koks beisammenhat. Sollte er vielleicht Amphetamine nehmen? Das ist nicht so gut, aber billiger. Und es hält länger. Aber es schadet der Erektion. Aber Lust zu vögeln hat man trotzdem.

wirken genauso überzeugend wie die Einstellung des noch amtierenden Präsidenten der Fünften Republik

Giscard schweigt, denn er erwartet, wie jeder mächtige Mann, der es so weit gebracht hat, dass seine Mitarbeiter es ihm ersparen, wichtige Fragen zu formulieren

Geradezu genial, wie Binet mehrere Parallelhandlungen auch sprachlich parallisiert. Während die 20 Uhr-Nachrichten durchlaufen, erfährt man, was sich zeitgleich bei einer Handvoll Figuren abspielt

20 Uhr 09: „Streik nun auch an Schulen. Schon für den morgigen Tag ruft die Gewerkschaft SNI die Grundschullehrer in Paris und im Département Essonne dazu auf, gegen die fürs kommende Schuljahr geplante Klassenzusammenlegung zu protestieren.“ Sollers, ein chinesisches Bier in der einen, seine leere Zigarettenspitze in der anderen Hand, stänkert auf seiner Couch: „Diese Beamten!“ Die Kristeva antwortet aus der Küche: „Es gibt Kalbsbraten.“
20 Uhr 10: „Endlich eine etwas, wenn ich so sagen darf, ’sauerstoffreichere‘ Nachricht.“ Simon verdreht die Augen. „Die stärkste Verringerung der Luftverschmutzung in Frankreich seit sieben Jahren […] und 46% weniger CO2.“ Mitterand probiert eine angewiderte Fratze, aber es ändert sich nichts gegenüber seinem normalen Gesichtsausdruck.

Mich hat der Roman restlos überzeugt. Die Literaturkritik ist da gespaltener Meinung. Jochen Kienbaum von lustauflesen hatte Lust am Lesen des Romans. Ich empfehle allerdings, das Handy zum Nachschlagen der Personen und Ereignisse griffbereit zu halten.

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