Gute Detektivromane gibt es wie Brombeeren im Wald

So oder zumindest so ähnlich formulierte es T. S. Eliot in einer seiner Krimikritiken 1928. Eine Auswahl daraus – von Georg Deggerich übersetzt – erschien soeben im Schreibheft – Zeitschrift für Literatur.

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Trotz reichhaltiger Auswahl fand Eliot eine Reihe von Kritikpunkten, die auch aus heutiger Sicht aufschlussreich sind. Zunächst unterscheidet er zwischen der Kriminalgeschichte, in der nichts passiere

Das Verbrechen ist bereits geschehen, und der Rest der Erzählung besteht im Zusammentragen, der Auswahl und der Kombination der Beweise

In der sogenannten „Mystery Story“ gerate der Leser „von einem Abenteuer ins nächste.“ Entsprechend fällt auch der Thriller und dessen extreme Form, der „Schocker“ unter diese Kategorie. Ein klasssischer Schocker hat etwas „Fieses“ wie zum Beispiel Henry James‘ The Turn of the Screw.

Zugleich warnt er jedoch vor „überflüssiger Rührseligkeit“ und kritisiert an einem Roman von Father Knox, dass dessen Figuren zwar zu „übertriebenem Humor und Heiterkeit“ neigten, dabei aber trotzdem nicht „humorvoll genug“ seien

Sie mögen zwar so geistreich sein wie die meisten Menschen im realen Leben, aber für die Literatur ist das zu wenig

Als Vorlage für alle weiteren Analysen dient Eliot The Moonstone von Wilkie Collins (dt. Der Monddiamant). Für den 1868 erschienenen Roman gilt seiner Meinung nach, dass er

die gesamte englische Kriminalliteratur im Keim enthält

Fünf Regeln für einen guten Kriminalroman leitet T. S. Eliot aus Collins‘ Meisterwerk ab

  1. Keine „komplizierten Doppelleben“, „aufwendige und unglaubwürdige Verkleidungen“ oder andere komplizierten Verwirrspiele
  2. „Gewöhnliche“ Charaktere und „natürliche“ Motive, sodass der Leser die Chance hat, den Fall selbst lösen oder zumindest doch nachvollziehen zu können
  3. Keine „okkulten Phänome“ oder „widersinnigen Entdeckungen einsamer Wissenschaftler“
  4. Damit einhergehend: keine „verwickelten und bizarren Handlungselemente“ wie z.B. Kryptogramme und Codes
  5. Keine „Übermenschen“ als Deketiv. Intelligent: ja – Superheldenhirn: nein

Nimmt man diese Kriterien zusammen, formt sich das Bild einer (plot-technisch) einfachen Geschichte. Und wie immer gilt: Einfach ist besonders schwer. Alles muss zusammenstimmen, es gibt keine Zufallsbegegnungen, keinen deux ex machina, das Plot muss sich geradezu natürlich aus der Ausgangskonstellation entfalten. Ein hoher Anspruch, der trotz Mentalist und anderer Ermittler mit „Spezialfähigkeiten“, immer noch Gültigkeit hat. Und dass zu konstruierte Serien-Plots beim Zuschauer zu Tod durch Ermüden führen, habe ich bereits an anderer Stelle erwähnt.

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