Von Huren- und von Hundesöhnen

Letzte Woche titelte Leonie Feuerbach in der  FAZ über Xavier Naidoos neustes Lied #Marionetten: „Eine Hymne für Wutbürger“. Ich überflog den Songtext und mein erster Eindruck war: Da macht sich jemand über Verschwörungstheoretiker lustig. Wer glaubt schließlich noch ernsthaft an Pizzagate? Das wurde hinreichend widerlegt. Außerdem stand da „wir […] lieben euch als Menschen“.  Das klang tendenziell versöhnlich und ich habe den Text bei Seite gelegt. Popmusik interessiert mich nicht besonders, entsprechend wenig weiß ich über Xavier Naidoo, gerade Mal, dass er existiert.

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Kurz darauf sprach Spiegel Online von „Zerstörer statt Erlöser“ und Jan Böhmermann präsentierte ein Video über die „Hurensöhne Mannheims.“  Letzteres finde ich übrigens als Wortspiel zu dem Bandnamen durchaus gelungen. Dann tauchten die ersten Hashtags zu Hurensöhne Mannheims und Marionetten auf und die entsprechenden Repliken.

Aber egal, wen man las, die Hurensöhne-Fraktion oder die Naidoo-Fans, beide nahmen den Text ernst und betrachteten ihn nicht als Satire. Anscheinend leide ich unter einem Art umgekehrten Sheldon-Syndrom und sehe Satire, wo keine drinsteckt. Zur Erinnerung: Sheldon Cooper ist eine der Hauptfiguren in „The Big Bang Theory“ und unfähig, Sarkasmus zu erkennen.

Was mich dann tatsächlich genervt hat, war ein Beitrag Matthias Heines in der WELT von 2014, der im Rahmen des Twittergewitters  zu Xavier Naidoo hochgespült wurde. Der Autor wirft darin die Frage auf: „Hurensohn – ein Fluch mit Migrationshintergrund?“.  Ist es wirklich notwendig, habe ich mich gefragt, Schimpfausdrücke in solche mit und ohne Migrationshintergrund zu sortieren? Und was folgt daraus? Sind die einen „besser“ als die anderen? Und was heißt in diesem Zusammenhang „besser“?

Matthias Heine formuliert in dem Artikel die These

Der ganze mutterzentrierte Ehrbegriff, der dahinter [hinter Hurensohn] steckt, passt besser ans Mittelmeer als in den europäischen Norden

und zieht Schiller als Beweis heran, dass bereits bei den Klassikern „Muslime und Italiener – die üblichen Verdächtigen“ waren, wenn es um diesen speziellen Schimpfausdruck geht. Schiller ist natürlich definitiv ein Beweis dafür, dass Mittelmeeranrainer gerne andere solchermaßen beschimpfen. Aber möglicherweise habe ich dieses Mal die Ironie ja nicht erkannt.

Des Weiteren zitiert Heine das amerikanische „Son of a bitch“ als maßgeblichen Einfluss auf die zunehmende Verwendung von „Hurensohn“ im Deutschen. Damit habe ich ein weiteres Problem, da bitch englisch für Hündin ist. Ein sob – oder son of a bitch – ist damit ein Hündinnensohn. Das entfaltet vermutlich in einigen Kulturkreisen eine größere beleidigende Wirkung als in anderen, aber es ist nicht dasselbe wie Hurensohn.

Um sicherzugehen, dass ich nicht einer weiteren Selbsttäuschung bzw. oberflächlichem Lesen unterlag, konsultierte ich die Koryphäe im Netz zum Thema (englischsprachiges) Fluchen: Das Blog Strong Language. Wie die Beschimpfung des damaligen Präsident Obama durch den Philippinischen Präsidenten Duterte zeigt, kann in der Übersetzung aus einem Hurensohn schnell mal ein Hunde- (bzw. Hündinnen)-Sohn werden, obwohl das nicht dasselbe ist.

Eine ausführliche, textkritische Diskussion des Songtextes findet sich hier.

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