A story is a story is a story

So könnte man frei nach Gertrude Stein manche Diskussion über Plottypen zusammenfassen oder auch: Was ist eine Geschichte? – Na, eine Geschichte eben. Vielleicht noch mit dem Zusatz: Mit Anfang, Mitte und Ende.

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Für ähnlich nichtssagend hält Lincoln Michel, Autor eines Beitrags auf Electric Literature, die Diskussion um Anzahl und Form verschiedener Plottypen. Entsprechend überschreibt er seinen Beitrag

The One Underlying Substance of All Story Structure Models: Bullshit

und spricht damit jeder Diskussion über Plottypen jeglichen Nähr- und Mehrwert ab. Recht unterhaltsam zeigt Michel auf, zu welchen Absurditäten überzogene Vereinfachungen führen können. Den Auslöser dafür liefert ein Artikel im The Atlantic. Ein bereits simples Plot wie

A dangerous monster threatens a community. One man takes it on himself to kill the beast and restore happiness to the kingdom.
(In etwa: Ein gefährliches Monster bedroht eine Dorf oder ein Land. Ein Einziger sieht es als seine Aufgabe an, das Monster zu töten und Glück und Frieden im Königreich wieder herzustellen.)

wird in besagtem Artikel noch weiter zusammengedampft. Jurassic Park, The Shining, jede Episode von CSI, Psycho und Erin Brokovich folgen demnach dieser Plotstruktur. Die einzelnen Begriffe sind nicht mehr als Platzhalter. Dabei – so Lincoln Michel – gelte

  • Königreich steht stellvertretend für: eine Handvoll Leute bis zur gesamten Menschheit
  • Glück und Frieden wieder herstellen steht für: ein Hindernis überwinden, unabhängig davon, ob es Glück und Frieden bringt oder nicht
  • Ein Einziger kann zwei, zehn, zwanzig oder jede Figur in der Geschichte bedeuten
  • Monster steht für jede Art von Gegenspieler

In anderen Worten: aus dem bereits vereinfachten Plot wird

Some people struggle with something dangerous.
(Ein paar Menschen kämpfen mit etwas Gefährlichem)

Zugegeben, der Informationsgehalt geht gegen Null. Wie man diese Form der Reduktion nutzen kann, um unangenehme Wahrheiten unter den Abstraktionsteppich zu kehren, kann man hier nachlesen. Trotzdem gibt es selbstverständlich Schreibende und andere, die sich sehr eingehend und differenziert mit den verschiedenen Plottypen auseiandergesetzt haben. Mein persönlicher Favorit ist Christopher Booker, über den ich bereits an anderer Stelle geschrieben habe.

Die Frage, die Michel zurecht aufwirft, ist die nach dem zulässigen – besser – sinnvollen Grad der Vereinfachung. Wenn ich alles vom Wärmetod des Universums aus betrachte, spielt nichts mehr eine große Rolle. Das hilft mir allerdings nur wenig im Alltag. Ich kann daraus keine Handlung ableiten, die mir das Leben erleichtern oder mein aktuelles Problem lösen würde.

Verallgemeinerungen helfen, wenn ich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe. Dann kann ich mit der metaphorischen Axt das Unterholz wegschlagen, bis ich den Weg aus dem Dickicht wieder erkenne. Es hilft mir als Autorin oder Autor zu wissen, dass viele Dystopien nach dem Schema „Rebellion gegen Den Einen“ (Christopher Booker) aufgebaut sind. Mit diesem Wissen kann ich mich auf die wesentlichen Strukturelemente konzentrieren (zum Beispiel: welche Form nimmt Der Eine an) und alles andere zunächst) zur Seite schieben oder für eine weitere, später zu schreibende Geschichte aufbewahren.

Ebenso hat es seinen eigenen Reiz, auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Geschichten nacheinander zu lesen, die derselben Struktur folgen. Es ist ein bisschen wie bei einem kontrollierten Experiment: Die Grundbedingungen bleiben gleich, in der unterschiedlichen Ausgestaltung zeigt sich die Virtuosität der Autorin oder des Autors.

Ich meine, es war Laurent Binet, der seinen Erzähler in der Siebten Sprachfunktion darüber sinnieren lässt, dass es paradoxerweise das Spezifische in einer Geschichte ist, das eine allgemeingültige Wahrheit zum Vorschein bringt und nicht das Abstrakte.

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