Schöne Augen machen – oder auch nicht

Auf Writer’s Digest, einer Ratgeber-Seite für Autoren, erschien letzte Woche ein Beitrag über die „Seltsame Verwendung von Augen in Prosatexten“. Einigkeit bestand in der Schreibgruppe der Verfasserin darüber, dass „mit den Augen rollen“ bestenfalls ein Augenrollen verdient, was Aussagekraft und Originalität dieses Ausdrucks betrifft. Oder wie sie es formuliert

The eyes may be the windows to the sould […] but unless we are careful, poor use of eyes may be windows to a complete lack of imagination.

Es folgt eine Liste der gängigen Dinge, die Augen in Geschichten so tun: man rollt damit, schießt den Blick auf etwas ein, blinzelt, zwinkert, kneift sie zusammen oder verengt sie, stiert und starrt was das Zeug hält, reißt die Augen auf, die Pupillen weiten sich, man linst, spickt, späht und sichtet damit. Im Dornseiff sind mehr als fünfzig Verben zum Wortfeld „Sehen“ aufgeführt.

image
Der Herzog von Urbino und seine Frau. StreetArt von #Lartesanuotara in Florenz

Corabel Shofner, die Verfasserin des zitierten Beitrags, empfiehlt, wenn schon Augen, dann richtig

If you need to use eyes in a story reach for the stars

und führt als Beispiel „eyes like caraway seeds“ (Augen wie Kümmelsamen, Anne Tyler) an, um die abschätzige Meinung des Erzählers über eine Figur zu verdeutlichen, oder Toni Morrison, die in ihrem Roman „The Bluest Eye“, ein Mädchen nichts so sehr wünschen lässt, als blaue Augen zu haben.

Das Projekt Gutenberg auf Spiegel Online spuckt auf den Suchbegriff „Augen“ vierunddreißig Seiten mit je dreißig Einträgen aus. Beim Überfliegen stachen mir folgende Dinge vor allem der Titel wegen ins Auge

  • die sündigen Augen der Menschen – In die Württembergische Volksbücher musste ich als Schwabe mal reinsehen
  • Tränen in den Augen – unspektakulär, aber interessanter Titel: Küßdenpfennig, Sagen aus Wien
  • Augenblicke – ebenfalls unspektakulär, aber noch besserer Titel: Die Maränen im Madünsee (nicht zu verwechseln mit Moräne sind Maränen Süßwasserfische)
  • Als er Lenchens Augen küßte – Augen küssen kommt nicht so häufig vor; stammt aus dem gleichnamigen Gedicht von Johann Christian Günther
  • Das Augenlid – ebenfalls ein Gedicht, dieses Mal von Justinus Kerner
  • Kopf mit überbrückten Augen – das ist interessant, das habe ich so noch nie gehört; Paul Klee, Gedichte

Die Dichter haben also die Nase vorn, was gute Bilder betrifft. Allerdings muss man bedenken, dass man nur nach dem exakten Begriff und nicht semantisch, d.h. nach Wortfeldern suchen kann.

Michael Noll beschreibt in seinem Blogbeitrag „How to Reveal Character Interiority through Action“, wie man das Gefühlsleben einer Figur verbildlichen kann, ohne mit den Augen rollen zu müssen. Man lässt die Figur etwas tun, was der inneren Gemengelage entspricht. In dem von Noll zitierten Beispiel hämmern drei Brüder auf Tomaten ein und lassen sie platzen, statt sich groß mit innerem Monolog aufzuhalten und über ihre Wut und Frustration nachzudenken.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s