Der Lack blättert ab

Heute muss ich mir den Frust von der Seele schreiben. Seit Wochen plage ich mich mit einem Klassiker von J. G. Ballard herum. Der Roman High-Rise (dt. Hochhaus, Band 288 der Suhrkamp Phantastischen Bibliothek) hat gerade mal 206 Seiten, man kann das also locker an einem Wochenende lesen. Trotzdem kaue ich schon seit Wochen darauf herum.

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Liegt es an mir? Lässt meine Aufmerksamkeit nach? Immer wieder ertappe ich mich dabei, kurz auf Instagram nachzusehen, was es dort für Hochhäuser anzuschauen gibt, oder mir fällt ein, dass ich die Spülmaschine ausräumen könnte, oder ich erliege einem plötzlichen Schlafanfall.

Ich habe mich durch Bleeding Edge gequält und die ersten zwei Drittel nochmals auf Deutsch nachgelesen, um sicherzugehen, dass ich alles richtig verstanden habe. Ich habe mich durch John Wrays verschlungene Erzählstränge in „Das Geheimnis der verlorenen Zeit“ gekämpft (hier eine positive und hier eine eher negative Besprechung) und ich habe auch Telluria – immerhin 406 Seiten und ein Team von acht Übersetzern – mehr oder weniger in einem Rutsch durchgelesen. Es ist also nicht so, dass ich prinzipiell eine denkfaule Leserin wäre.

Ballards Roman fängt großartig an

Later, as he sat on his balcony eating the dog, Dr. Robert Laing reflected on the unusual events hat had taken place within this huge apartment building during the previous three months.

(In der Übersetzung von Michael Koseler: Später, als er auf seinem Balkon saß und den Hund aß, dachte Dr. Robert Laing über die außergewöhnlichen Ereignisse nach, die sich während der vergangenen drei Monate in diesem riesigen Apartmentgebäude zugetragen hatten.)

Dieser Einstieg hat alles, was die Leserin in eine Geschichte hineinzieht: Eine Situation, die neugierig macht (ein Akademiker – lese: zivilisiert – isst einen Hund), Andeutung von mysteriösen Ereignissen (unusual events that had taken place), Klarheit in Bezug auf Ort (huge apartment building) und Protagonisten (Dr. Robert Laing).

Das Thema ist interessant, Stichwort: Der Lack der Zivilisation ist ab. In Ballards Roman verrohen die Bewohner eines Luxus-Hochhauses zunehmend und fallen in archaische Verhaltensmuster zurück. Das hat viel Potenzial für genaue Beobachtungen, für jede Menge Action und erschütternde Einsichten in die (eigene) Psyche.

Mit entsprechender Begeisterung habe ich mich daher auf das Buch gestürzt – bis dann irgendwann die Langeweile einsetzte. Zum einen liegt das an der häufig wechselnden Erzählperspektive. Neben besagtem Dr. Laing gibt es den Fotojournalisten Richard Wilder mit Hang zum Groben und den Architekten des Ganzen, Anthony Royal. Mit keiner der Figuren wurde ich wirklich warm. Das ist aber gerade bei einer Geschichte notwendig, bei der das Ende von Anfang an klar ist (Rückfall in barbarische Zustände) und somit der Weg dorthin das Wichtigste ist.

Entsprechend enttäuscht war ich dann auch, dass Ballard die subtilen Veränderungen der Bewohner des High-Rises häufig recht kursorisch abhandelt. Nur ein Beispiel dazu

Listening to the animated conversations around him, he [Laing] was struck by the full extent of the antagonism being expressed, the hostility directed at people who lived in other sections of the high-rise. The malicious humour, the eagerness to believe any piece of gossip and any tall story about the shiftlessness of the lower-floor tenants, or the arrogance of the upper-floor, had all the intensity of racial prejudice.

Also in etwa: Während er der lebhaften Unterhaltung um ihn herum lauschte, wurde Laing erst das volle Ausmaß der Animositäten zwischen den unterschiedlichen Bereiche des Hochhauses klar. Der bösartige Humor, die Bereitwilligkeit, mit der man jedem Tratsch und jeder Lügengeschichte über die Unbeholfenheit der Bewohner der unteren Etagen Glauben schenkte, oder die Arroganz der oberen Etagen, all das hatte die Heftigkeit rassistisch geprägter Vorurteile.

Ich hätte diesen bösartigen Humor, die kleineren und größeren Sticheleien der oberen Stockwerke gegen die unteren gern in einer Szene erlebt. Dass Ballard das kann, sieht man an folgendem Auszug. Laing trifft Wilder bei der Einweihungsparty. Das letzte, freie Apartment wurde bezogen.

„The elusive Anthony Royal was supposed to provide the booze. You’ve met him, I think,“ he [Wilder] said to Laing. „The architect who designed our hanging paradise.“

„We play squash together,“ Laing rejoined. Aware of the hint of challenge in Wilder’s voice, he added, „Once a week — I hardly know the man, but I like him.“

Laing spielt also die Tatsache herunter, dass er – im Gegensatz zu Wilder – Royal persönlich kennt, um einem Konflikt mit Wilder aus dem Weg zu gehen. Von solchen szenischen Darstellungen hätte ich gern mehr gesehen.

Der Roman wurde letztes Jahr mit Tom Hiddleston (The Night Manger) verfilmt. Der Trailer ist vielversprechend und vielleicht ist Film einfach das bessere Medium, um die wirklich geniale Idee des Buches umzusetzen – auch wenn der Roman lange Zeit als unfilmbar galt.

 

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