Synektik – Einmal gegen den Strich gebürstet und zurück

Letzte Woche bin ich durch Zufall auf die Blackout-Gedichte von Hannah Schraven alias @newsschredder gestoßen. Ich fand einen meiner Tweets in einem ihrer Gedichte wieder.  Aus anscheinend unzusammenhängenden Tweets destilliert sie etwas Neues, indem sie die Kurznachrichten bis auf ein, zwei Worte, manchmal auch nur Buchstaben, ausschwärzt. Bekanntes verfremden und sich das Fremde vertraut machen, ist auch das Motto der sogenannten Synektik.

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Die Methode wurde in den 1960ern von William Gordon entwickelt. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Unternehmensberater untersuchte Gordon, warum manche Teams wesentlich kreativer sind als andere. Er kam zum Schluss, dass sich Kreativität gezielt und systematisch anregen lässt, indem man die Dinge gegen den Strich bürstet und nach einer Verbindung zwischen scheinbar zusammenhangslosen Dingen sucht.

Interessanterweise ist eines der ersten Suchergebnisse zum Stichwort Synektik, das Google auswirft, der Einsatz dieser Methode in Schulen, um Kinder an Metaphern und das Schreiben von Gedichten heranzuführen. (Dykstra & Dykstra (1997): Imagery and Synectics for Modeling Poetry Writing). Wie funktioniert also die Methode?

Die Methode „dekliniert“ systematisch ein Thema durch. Dazu bildet man nacheinander eine

  • Direkte Analogie
  • Persönliche Analogie
  • Symbolische Analogie, in manchen Varianten stattdessen auch Widersprüche

Dazu ein Beispiel in Anlehnung an ELT Notes in sechs Schritten.

Schritt 1: Zunächst beschreibt man das Thema und erstellt eine Wortliste, zum Beispiel

Thema: Gefühle, Wortliste: Liebe, Hass, Wut, Trauer, Schuld, Rache, Glück usw.

Schritt 2: Man bildet direkte Analogien zwischen den Wörtern der Liste und einem unzusammenhängenden allgemeinen Begriff, zum Beispiel „Pflanze“. Mögliche Analogien  sind

Distel – Wut, weiße Lilie – Trauer, Gänseblümchen – Glück

Schritt 3: Es folgt die „persönliche“ Analogie, d.h. man versetzt sich in den beschriebenen Gegenstand oder wie hier, die Pflanze, hinein und notiert die Gefühle des Gegenstands bzw. der Pflanze

Ich als Distel fühle mich ungeliebt, heiß, trocken, klebrig, distanziert, einsam, stolz, aufrecht, tapfer, bewundert

Schritt 4: Man sucht unter den Wortpaaren solche, die sich widersprechen („compressed conflict“), z.B.

Ungeliebt – bewundert

Schritt 5: Man bildet zum zweiten Mal direkte Analogien, allerdings zu einem weiteren unzusammenhängenden allgemeinen Begriff, z.B. Tier

Begriff: Tier, Begriffspaar: ungeliebt – bewundert
Direkte Analogie: Schlange, Nashorn, Ameise

Schritt 6: Man vergleicht die Begriffe der letzten, direkten Analogie mit dem ursprünglichen Thema (hier: Gefühle)

Gefühle sind wie Schlangen, die sich hineinschleichen in dein Herz. Wenn sie nicht genug Aufmerksamkeit /Sonne bekommen, erstarren sie.

Et violá, man hat ein neues Bild, auf das man sonst vermutlich nicht gekommen wäre. Ansonsten findet man das „synektische Prinzip“ auch in den Gedichten von Hellmuth Opitz verwirklicht (literaturkritk.de ).

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