Mehr als zweideutig

Schon seit geraumer Zeit befindet sich auf meinem Stapel ungelesener Bücher „7 Types of Ambiguity“ (7 Arten von Mehrdeutigkeit) von William Empson. Das Buch, das 1930 zum ersten Mal erschien, ist ein Klassiker der englischen Spielart der Literaturkritik (literary criticism). Empson stellt in dem 256 Seiten zählenden Band sämtliche Spielarten von Zwei-, Mehr- und Vieldeutigkeit in Dichtung und Prosa vor.

Das Buch ist nicht ganz einfach zu lesen, was zum einen daran liegt, dass es in einem anderen Jahrhundert geschrieben wurde, aber auch daran, dass der Autor manchmal verwinkelte Gassen nimmt, um zu seinem Ziel zu gelangen. Das hat er wohl gelegentlich selbst so gesehen, denn in der mir vorliegenden überarbeiteten Ausgabe kommentiert er seine früheren Ausführungen zum Teil so

It was stupid of me to present this example as a sort of test case

Oder

Not a clear example, and I am not sure that what I said is true

Zudem ist der Begriff „Ambiguity“ selbst vieldeutig. Wie Empson ausführt

‚Ambiguity‘ itself can mean an indecision as to what you mean, an intention to mean several things, a probability that one or other or both of two things has been meant, and the fact that a statement has several meanings.

(Also in etwa: Der Begriff Ambiguität kann bedeuten, dass der Autor sich nicht entschieden hat, was er meint; der Begriff kann die Absicht beinhalten, mehrere Dinge ausdrücken zu wollen, die Wahrscheinlichkeit, dass die eine oder andere oder beide möglichen Bedeutungen eines Ausdrucks gemeint waren, und Ambiguität kann bedeuten, dass eine Aussage mehrere Bedeutungen hat.)

Empson unternimmt nun den Versuch, diese verschiedenen Arten von Mehrdeutigkeit zu untergliedern und nach zunehmendem Abstand von der einfachen Aussage zu ordnen („in order of increasing distance from simple statement and logical exposition“).

Eines der Gründe, warum ich dieses Blog schreibe, besteht darin, Ordnung in meine Gedanken zu bringen und die Bücher, die sich bei mir stapeln, auch tatsächlich zu lesen – und anschließend darüber hier zu schreiben.

„7 Types of Ambiguity“  ist keine einfache Lektüre, weswegen ich die Besprechung auch auf mehrere Beiträge verteilen werde. Ich beginne mit dem ersten Kapitel, das Empson Mehrdeutigkeit aufgrund von Vergleichen und Ähnlichkeiten sowie Gegensätzen – ebenfalls eine Art von Vergleich – bezeichnet.

Empson liefert zwei anschauliche Beispiele dafür, wie (vermeintliche) Gegensätze Begriffe mit zusätzlicher Bedeutung aufladen

How loved, how honoured once, avails thee not,
To whom related, or by whom begot;
A heap of dust is all remains of thee;
‚Tis all thou art, and all the proud shall be.
(Alexander Pope, Unfortunate Lady)

Sinngemäß:
Wie geliebt, wie geehrt du auch einst warst, es nutzt dir nichts,
Mit wem du verwandt bist oder von wem du abstammst;
Ein Haufen Staub ist alles, was von dir übrig bleibt;
Das ist alles, was du bist, und all die Stolzen sein werden.

Die Zeile „To whom related, or by whom begot“ klingt auf den ersten Blick wie zwei Seiten einer Medaille. Bei genauem Lesen allerdings deutet das darauf hin, dass entweder die (angeheirateten) Verwandten („to whom related“) etwas hermachen und die Eltern („by whom begot“) aus bescheidenen Verhältnissen stammen oder umgekehrt. In Kombination mit dem „How loved, how honoured once“, so Empson, führt das zu einer Reihe denkbarer versteckter Aussagen Alexander Popes

  • Die unfortunate lady stammt aus angesehener Familie, hegt aber ein düsteres Geheimnis in ihrem Leben
  • Obwohl man es ihr nicht anmerkt, stammt sie aus angesehener Familie
  • Sie stammt zwar aus angesehener Familie, aber ist auch wiederum auch nichts Besonders für den Kreis, in dem ich (als Dichter, als lyrisches Ich) mich sonst bewege
  • Wie unbedeutend sind doch solche verwandschaftlichen Beziehungen, jeder hat einen Vater und eine Mutter. Wie wenig kann ich (als Dichter) denen abgewinnen, die sich etwas auf ihren Status einbilden, oder meinen Lesern, die sich an diesem vermeintlichen Absturz derer erfreuen, die höher stehen als sie

All das in vier Zeilen – und jeder kann das hineinlesen, was ihm oder ihr am meisten zusagt.

Ein zweiter Gedanke in diesem ersten Kapitel, der mir erwähnenswert erscheint, sind Empsons Überlegungen zum Zeitempfinden. Das zitierte Gedicht stammt aus Arthur Waleys Übersetzungen chinesischer Lyrik

Swiftly the years, beyond recall.
Solemn the stillness of this spring morning.
(In etwa:
Schnell und unwiderbringlich ziehen die Jahre vorüber.
Feierlich die Stille an diesem Frühlingsmorgen.)

Der Gegensatz besteht hier in dem gleichzeitigen Rasen der Zeit („swiftly the years“) und der Ruhe dieses Frühlingsmorgens („solemn the stillness“). Interessant sind Empsons Ausführungen zu den zwei unterschiedlichen Skalen, nach denen der Mensch die Zeit messe. Da ist zum einen diejenige, die in Menschenleben gezählt wird, und zu der die erste Zeile gehört. Zum anderen ist da jene, die in Augenblicken zählt. Die beiden Skalen existieren nebeneinander, fast wie zwei von einander unabhängige Dimensionen („defining two dimensions“). Beide schwingen in diesen Zeilen mit und spannen damit die gesamte Bandbreite menschlicher Erfahrung auf.

Man kann das Gedicht also als Beschreibung von jemandem deuten, der selbstbewusst und im Moment ruhend seinem Lebensende entgegenblickt

to meet the brevity of human life with an ironical sense that it is morning and springtime

Oder man kann weitere Bedeutungsebene ausmachen. Der Augenblick verweilt eben nicht, das „swiftly“ bezieht sich also auch auf den Moment, und der Morgen kann ruhig („still“) sein, im Sinne von frei jeglicher menschlichen Aktivitäten. Plötzlich zieht eine apokalyptische Landschaft vor dem geistigen Auge des gerade noch heiter gelassen in sich ruhenden Leser bzw. ruhender Leserin auf.

Ich bin gespannt, was die weiteren Schichten von Merhdeutigkeit an Erkenntnis noch mit sich bringen werden.

 

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