Gert Loschütz: Dunkle Gesellschaft

Im Rahmen meiner Erkundung des phantastischen Genres in all seinen Spielarten habe ich mir auch die mit dem Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar ausgezeichneten Autoren vorgenommen. Einige davon habe ich bereits gelesen, andere wie Gert Loschütz, waren mir unbekannt.

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Klappentext

Thomas, den Binnenschiffer, hat es von den Flüssen weg in die niedersächsische Provinz verschlagen, wo das Land weit ist und der Himmel tief hängt und ihn nachts die Unruhe aus dem Haus treibt. In zehn Regennächten erinnert er sich an phantastische Begebenheiten, an Stationen seiner Reise, auf die ihn das Leben geschickt hat. Immer wieder ist er dabei einer Gruppe von schwarzgekleideten Leuten begegnet, deren Auftauchen Unheil und Katastrophen ankündigt, eben jener dunklen Gesellschaft, vor der ihn schon sein Großvater gewarnt hatte.
(Frankfurter Verlagsanstalt)

Das Buch trägt den Untertitel: Roman in zehn Regennächten. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass Verlage alles unternähmen, um nicht Kurzgeschichtensammlung auf einen Buchdeckel schreiben zu müssen, und sei es zehn voneinander losgelöste Geschichten unter der Klammer „Regennächte“ als Roman zu betiteln.

Anders als in dem als Episodenroman konzipierten Lovecraft Country von Matt Ruff, das ich in meinem letzten Beitrag vorgestellt habe, gibt es hier keinen übergreifenden Handlungsbogen, der das Ganze zusammenhält. Außer der Erwähnung des Großvaters des Erzählers und dem nächtlichen Regen gibt es nichts, das die Handlung der einzelnen Geschichten miteinander verbindet.

Jede Story beginnt stark mit einem düsteren Stimmungsbild. Wir lesen von

Niesel-, Faden- und Strippenregen

von

mit dem Nebel häufig einhergehenden Geruch von Feuer, ein Brandgeruch, die Ahnung von kokelnden Bäumen und in Kniehöhe über den Boden kriechenden Rauch

vom Ende eines Asphaltwegs, der

in strähniges Gras übergeht

Doch dann passiert: nichts – oder nichts, was sich zumindest mir erschließt. In der Regel folgt dem ersten Stimmungsbild eine Rückblende, dann noch eine, manchmal auch mehrere ineinander verschachtelte Rückblenden, anhand derer dann die „eigentliche“ Geschichte auf- oder vielleicht besser abgerollt wird.

  • Ein afrikanischer Kommilitone verschwindet, ein andere afrikanischer kommt, es gibt einen ominösen Zettel, Andeutungen an Voodoo und der Afrikaner und seine (weißen) Freunde überraschen alle mit ihren guten Noten und werden später im Leben sehr erfolgreich (Der Zettel).
  • Eine Nachbarin bittet den Erzähler mitten in der Nacht mit ihr zur Gartenlaube zu fahren, um ihren Mann zu suchen. Sie hätten sich gestritten. Als sie ankommen steht die Laube im Brand. Später trifft der Erzähler den Mann zufällig wieder, der gibt ihm allerdings zu verstehen, dass er nicht angesprochen werden will (Der Garten).
  • Der Erzähler trifft zufällig seine Jugendliebe Katharina wieder, wagt aber nicht sie anzusprechen und folgt ihr stattdessen zum Flughafen. Dort wartet diese auf einen Mann, dem sie wiederum folgt und der das „sein Gesicht“ (das des Erzählers) trägt. Als der Mann mit dem Taxi wegfährt, spricht Katharina den Erzähler an. Sie verabreden sich für den nächsten Tag, doch sie kommt nicht (Katharina).

Ich habe mich gefragt, woran es liegt, dass mich die Figuren völlig unberührt lassen. Der Erzähler sagt an einer Stelle

Es will mir als wortlose Zeit erscheinen, in der Handeln nicht von Worten begleitet oder durch Worte erklärt wurde, es war ein wortloses Tun das, wenn überhaupt, erst im Nachhinein der Deutung anheim fiel. Das Tun war offen und suchte sich seine Erklärung selbst. Etwas geschah, weil es zu geschehen hatte, nicht als Folge vorherigen Bedenkens und Beredens

Zugegeben, jeder der schon einmal eine längere Bahnfahrt neben einem Dauerredner verbracht hat, weiß es zu schätzen, wenn Menschen auch still sein können. Aber als Autor habe ich nun mal nur Worte, um meine Figuren zum Leben zu erwecken. Ein paar mehr zum Innenleben der Figur hätte ich als hilfreich empfunden.

Fast scheint es mir, als wolle sich gerade anspruchsvolle deutsche Literatur dadurch auszeichnen, dass sie keine Dialoge verwendet. Dabei kann gerade das Zwiegespräch eine Figur sehr treffend und mit wenigen Worten kennzeichnen. Auch in den vorliegenden Geschichten wird kaum gesprochen und wenn, dann nur um Fragen aufzuwerfen, die dann unbeantwortet bleiben („Es ist noch nicht Freitag“ – was will uns die Figur damit sagen?)

Häufig streut der Erzähler Details ein bei denen man sich fragt: Wieso? Warum erzählt er mir das jetzt? Warum listet der Erzähler über mehrere Zeilen sämtliche Straßen auf, die der Bus nimmt, als er Katharina folgt? Warum muss ich als Leser wissen, dass die Buslinie, die die vor dem Hochwasser geflüchteten Dorfbewohner einsammelt, eine andere ist, als die die zwischen den Dörfern verkehrt oder die Stiefel, die die Nachbarin trägt, nicht die Gummistiefel von später? An solchen Stellen wäre weniger Präzision mehr gewesen.

Aber wie Michael Noll auf seinem Blog Read to Write Stories über seinen Ansatz sagt

to read with the expectation that the story, novel, essay, or memoir I’m about to begin will be amazing
(mit der Erwartung zu lesen, dass diese Geschichte, dieser Roman, dieser Essay oder diese Memoiren, die ich gleich lesen werde, großartig sein werden)

Wirklich herausragend, wirklich großartig an diesem Buch ist Loschütz‘ Sprache. Nicht nur hat sich mein aktiver Wortschatz zum Thema Schifffahrt deutlich erweitert, auch seine Schilderung des Regens in all seinen Formen, von Wasser ganz allgemein ist beeindruckend.

Seine Beobachtungen, ob von Menschen

Sie litt an einer Fehlstellung der Beine, die bewirkte, dass ihr Körper bei jedem Schritt wie ein in Sturm geratenes Boot hin und her geworfen wurde

Oder Dingen

Der Bus schlich sich aus den Wolken hervor, die den gar nicht so hohen Bergrücken verhüllten, kroch die Serpentinen herab und verschwand hinter den Bäumen, um nach einer Weile auf dem Wegstück darunter wieder aufzutauchen.

sind sehr genau und lassen ein klares Bild im Kopf der Leserin entstehen. Schade, dass der Autor sich nicht mit derselben Akribie dem Auflebenlassen von Gefühlen gewidmet hat. Ich bin mir sicher, er könnte es, wenn er wollte.

Phantastik Skala: *
Phantastisches wird eher angedeutet und vermutet

Action Skala:        *
Obwohl sich die Figuren von A nach B bewegen, handelt es sich      doch überwiegend um Stimmungsbilder, die vor allem im Kopf des Erzählers entstehen

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