Annika Scheffel: Bevor alles verschwindet

Annika Scheffel hat für ihren Roman „Bevor alles verschwindet“ 2013 den Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar gewonnen. Zu dem im Suhrkamp Verlag erschienen Buch gibt es auf der Autorinnenseite einen hübschen Buchtrailer.

Annika_Scheffel

Klappentext

Jula, Jules und die anderen haben es sich über die Jahre bequem gemacht in dem kleinen Ort unten im Tal. Doch eines Tages gerät ihre abgeschiedene Welt in Gefahr. In den umliegenden Wäldern werden »die Verantwortlichen« gesichtet, Gelbhelme mit Bauplänen für ein Erholungsgebiet. Eine Umsiedlung des Ortes steht bevor. Mit allem, was sie haben, lehnen die Bewohner sich auf gegen das Urteil. Aber Widerstand fordert Zusammenhalt, und ein jeder muss zuerst die eigenen Gespenster zähmen oder sie jetzt, im Kampf gegen das Verschwinden, endlich und für alle Zeit freilassen.

Ein Dorf soll einem Stausee weichen, der Untergang droht im Wortsinn. Diese Grundidee, ein Dorf zu fluten, um einen Stausee für die Stromerzeugung sowie als Naherholungsgebiet zu gewinnen, finde ich originell und interessant. Eine vergleichbare Idee habe ich bisher nur bei Anthony Doerr in der Geschichte „Village 113“ (auf Englisch in dem Sammelband zur Novelle „Memory Wall“ enthalten, auf Deutsch in der Kurzgeschichtensammlung „Die Tiefe“). In beiden Geschichten dreht es sich um Erinnerung und woran sie sich festmachen

Wie kann ein Ort sterben, wo werden Erinnerungen gelagert, wenn nicht im unbewussten Gedächtnis eines zerkratzen Fußbodens, einer ausgetretenen Treppe, eines eingeritzten Namens

Anja Hirsch von der FAZ nennt den Roman „märchenhaft“ und ich denke, das trifft es ganz gut. Wenn ich die Erzählstimme vertonen müsste, wäre es die eines Märchenerzählers. Freundlich raunend, nie wirklich bedrohlich. Nicht ohne einen an Wolf Haas erinnernden Humor erfährt man gleich zu Beginn

Aus dem Nachbarort kommend, sieht man das goldene Kreuz, weit ragt es über die bewaldeten Hügel der Umgebung. Die krumme Kirche steht im Tal, dort fließt ein Fluss hindurch, die Traufe, in der die Neugeborenen seit je von ihren stolzen Vätern untergetaucht werden, und danach können die Kinder nur noch in den Regen kommen, das Schlimmste haben sie bereits hinter sich, dem Ort mit dem ersten Schluck Brackwasser auf ewig verbunden

Das Dorf als rettenswerte Idylle. Dieser Prämisse muss man folgen (können). Ich halte es eher mit Antonia Baum, die ihren Heimatort als Odenwaldhölle bezeichnete, und begegne der Idee des Dorfes mit einer gehörigen Portion Skepsis.

Und je mehr man über die Figuren erfährt, denen jeweils ein Kapitel gewidmet ist, desto mehr bekommt dieses Bild dann auch Risse. Der Bürgermeister verprügelt regelmäßig seinen Sohn, die Zwillinge Jules und Jula haben ein fast inzestuös innige Beziehung zueinander, Mona wird von Schuldgefühlen ihrer verstorbenen Mutter gegenüber geplagt, Robert und Clara haben sich schon lange nicht mehr viel zu sagen.  Trotzdem setzt sich das nicht fest. Was sich im eigenen Kopf festsetzt, ist der Märchenerzähler. Egal, was passiert. Manchmal empfand ich das als irritierend.

Man kann der Autorin nicht vorwerfen, schwarz-weiß zu malen. Die „Gelbhelme“, wie die Bauarbeiter bezeichnet werden, sind nicht alle böse, nicht jeder Dorfbewohner „gut“, nicht alle wollen bleiben. Trotzdem überwiegt der wohlwollende Grundton und die Figuren wirken gelegentlich wie aus der Zeit gefallen. Da überrascht es dann, wenn plötzlich von schlechtem Handyempfang die Rede ist.

Was ich als sehr gelungen empfand, war das Einweben phantastischer Elemente in die Handlung. Da ist von einem blauen Fuchs die Rede, den nicht alle Dorfbewohner sehen, der aber immer wieder Bauarbeiter beißt. Und da ist Milo, in den sich David verliebt, und über den es heißt

David konzentriert sich, presst Wünsche zu einer Realität, wenn da gleich eine Hand ist an seiner, dann hat er es tatsächlich geschafft

Die Geschichte ist klar strukturiert und beginnt – nach einem Vorspann – mit der Verkündung des „Weltuntergangs.“ Wie bereits erwähnt, hat jedes Kapitel eine Figur zum Thema, wobei die Erzählerin in alle Köpfe gleichermaßen abtaucht. Sehr beachtenswert finde ich, wie es der Autorin dabei gelingt,  jeder  Figur von der kleinen Marie über den verzweifelnden Bürgermeister bis zur alten Greta, eine eigene Stimme zu verleihen.

Der Autorin ist damit etwas ganz Eigenes gelungen.

Phantastik Skala: **   — Phantastisches blitzt immer wieder durch und ist gut mit der Handlung verwoben

Action Skala:        ***   — Mehr oder weniger linearer Handlungsverlauf von der Verkündung bis zur aktuellen Flutung

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