Omar El Akkad: American War

Omar El Akkad: American War

Ein Ägypter, der in Kanada lebt und einen neuen Bürgerkrieg der (US-) amerikanischen Südstaaten mit dem Norden beschreibt — das klingt nach einer interessanten Perspektive.

Klappentext

»American War« – das Buch der Stunde. »Ein gewaltiger Roman«, schreibt die renommierteste Literaturkritikerin der USA, Michiko Kakutani. Ein Roman über den nächsten amerikanischen Bürgerkrieg und das dramatische Schicksal einer Familie. Was wird sein, wenn die erschütternde Realität der Gegenwart – Drohnenangriffe, Folter, Selbstmordattentate und die Folgen von Umweltkatastrophen – mit aller Gewalt in die USA zurückkehrt? Vor diesem Hintergrund entfaltet Omar El Akkad mit großer erzählerischer Kraft den dramatischen Kampf der jungen Sarat Chestnut, die beschließt, mit allen Mitteln für das Überleben zu kämpfen. »American War« ist in den USA ein literarisches Ereignis, das schon jetzt mit Cormac McCarthy »Die Straße« und Philip Roth »Verschwörung gegen Amerika« verglichen wird.

S. Fischer Verlag, übersetzt von Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié

Gewaltig ist der Roman dann auch. Er umfasst eine Zeitspanne von zwanzig Jahren, vom Beginn des neuen amerikanischen Bürgerkriegs 2075 bis zum Ende 2095, wenn man den kurzen Rückblick aus dem 22. Jahrhundert am Ende des Romans nicht mitrechnet. Gewaltig sind auch die Verwerfungen, die der Roman beschreibt. Das beginnt damit, dass die gesamt Ostküste aufgrund der Klimaerwärmung im Atlantik versunken ist. Kalifornien und ein Großteil Texas‘ sind mexikanisches Protektorat.

Eine Handvoll Südstaaten (Mississippi, Alabama, Georgia und South Carolina) — die Freien Südstaaten — kämpfen um das Recht, weiterhin die Luft mit benzingetriebenen Fahrzeugen zu verpesten, statt wie vom Norden vorgegeben, erneuerbare Energie zu verwenden. Ein Kritiker bemängelte das als „recht banale Idee“. Ich halte es für eine gelungene Metapher für einen ganzen Lebensstil.

Der Roman folgt der kleinen Sara T. Chestnut, von der es gleich zu Beginn heißt

Her name was Sara T. Chestnut, but she called herself Sarat. The latter was born of a misunderstanding at the schoolhouse earlier that year. The new kindergarten teacher accidentally read the girl’s middle initial as the last letter of her first name — Sarat. To the little girl’s ears, the new name had a bite to it. Sara ended with an impotent exhale, a fading ahh that disappeared into the air. Sarat snapped shut like a bear trap.

Damit ist alles über Sarat gesagt, was man wissen muss: Eine Überlebenskünstlerin und Kämpferin, gnadenlos wie eine Bärenfalle, dazu neugierig und intelligent. Eine gefährliche Mischung.

Sarats Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen in einem umgebauten Container in Louisiana und hat mit Politik nichts am Hut. Der Vater will mit der Familie in den Norden übersiedeln, wo er sich bessere Chancen auf Arbeit und ein auskömmliches Leben erhofft. Als er in die Stadt geht, um eine Arbeitserlaubnis zu beantragen, kommt er bei einem Selbstmordattentat ums Leben. Die Vergeltung des Norden lässt nicht lange auf sich warten. Die Familie muss fliehen und landet in einem Flüchtlingscamp an der Grenze zum Norden. Eine Geschichte mit vielen Bezügen zum Zeitgeschehen.

Die Kritik im deutschsprachigen Feuilleton ist erstaunlich negativ. Ja, es stimmt, die Sprache ist manchmal etwas holperig, aber dann bringt Akkad Sätze wie

… to the west lay certain death at the hands of a superior army. But behind them, in the dead-end towns where they were born, lay a slower kind of dearh — death at the hands of poverty and boredom and decay.

Also in etwa:

… im Westen lauerte der sichere Tod in Form einer überlegenen Armee auf sie. Aber hinter ihnen, in den Dörfern, in den Sackgassen, in die sie hinein geboren wurden, lauerte eine langsamerer Tod — ein Tod in Form von Armut und Langeweile und Zerfall.

Ich habe lange nichts gelesen, das so eindrücklich den Nährboden für eine Radikalisierung beschreibt.

Phantastik Skala: ** — Man erkennt (das arme) Amerika wieder, das macht es umso erschütternder, da sehr plausibel.

Action Skala:        *****   — Jede Menge, ohne dabei den Blick fürs Detail oder die Figuren zu verlieren

Lesenswert:    ***** —    Aus meiner Sicht sehr zu empfehlen

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