Octavia Butler: Wild Seed / Wilde Saat

In seinem Buch „How to Write Science Fiction & Fantasy“ zitiert Orson Scott Card Octavia Butler als gelungenes Beispiel dafür, den Leser in eine ungewohnte Welt hineinzuziehen, ohne ihn oder sie mit zu viel Information über diese Welt zu erschlagen:

Doro discovered the woman by accident when he went to see what was left of one of his seed villages.
(In etwa: Doro entdeckte die Frau nur zufällig, als er kam um nachzusehen, was von einem seiner Saat-Dörfer übrig geblieben war.

Es wird sofort klar, aus wessen Perspektive erzählt wird – Doros – und dass diese Frau eine große Rolle im Folgenden spielen wird. Wäre das nicht der Fall, hätte Butler von „einer Frau“ gesprochen. Zudem spricht der Erzähler von „Saat-Dörfern“ (seed villages). Das macht neugierig  – was verbirgt sich dahinter -, ist aber nicht so verwirrend um abzuschrecken. Bei mir hat dieser Einstieg dazu geführt, dass ich mir das Buch sogleich heruntergeladen und gelesen haben.

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Cover Foto (c) Butler, Octavia E.. Wild Seed (The Patternist Series Book 1) (Kindle-Position3). Open Road Media Sci-Fi & Fantasy. Kindle-Version.

Doro kehrt nach längerer Abwesenheit zu „seinen Leuten“ (my people) in Westafrika zurück und findet ein verwüstetes Dorf vor. Er vermutet Sklavenhändler dahinter. Wir schreiben das Jahr 1690. Er ist wütend und frustriert, nicht etwa, weil er um die abgeschlachteten oder versklavten Menschen trauert, sondern weil jetzt die Arbeit von tausend Jahren zerstört ist

they [the slavers] had undone in a few hours the work of a thousand years

In seiner Wut wandert Doro durch das Land und nimmt dabei die Witterung „dieser Frau“ auf — Anyanwu.  Anyanwu verfügt – wie Doro – über besondere Fähigkeiten. Sie kann ihre Gestalt wandeln und sich selbst heilen. Genau wie er ist sie damit unsterblich und für Doro eine wertvolle, wenn auch „wilde Saat“. Seit Jahrtausenden schon bemüht er sich vergeblich, Menschen mit besonderen Fähigkeiten wie zum Beispiel Langlebigkeit zu züchten.

Doro setzt Anyanwu unter Druck, ihm nach Nordamerika zu folgen, wo eines seiner größten Saat-Dörfer liegt. Er will sie mit geeigneten Kandidaten kreuzen, um ihre Heilungsfähigkeiten weiterzuentwickeln. Doch Anyanwu lässt sich nicht so einfach für sein Zuchtprogramm einspannen. Auch wenn er die Fähigkeit besitzt, sich jeden beliebigen Körper anzueignen, in dem er den Menschen darin tötet.

Geschickt und äußerst mitreißend verwebt Butler in diesem Roman zwei Konfliktlinien: die zwischen Männern und Frauen und die zwischen Weißen und Schwarzen. So legt sich Doro immer wieder den Körper eines weißen Mannes zu, um nicht ständig als Schwarzer erklären zu müssen, dass er tatsächlich frei ist und daher berechtigt ist, alleine zu reisen. Anyanwu hingegen setzt sich dafür ein, dass die Frauen nicht zu Zuchttieren reduziert werden.

Wild Seed ist chronologisch gesehen der erste Roman der Patternist-Serie (dt.: Musternist-Serie), geschrieben hat ihn Butler nach den anderen dieser Serie. Der Roman ist von 1980 und trotzdem hat er nichts von seiner Leuchtkraft oder Aktualität verloren.

Phantastik-Skala: ** – Gestaltwandler und Körperdiebe gibt es nicht. Aber der Rest der Geschicht ist so realistisch, dass es fast schon gruselig ist.

Action Skala: *** – Jede Menge zum Teil sehr dramatische Handlung, gleichzeitig taucht man immer wieder in die Köpfe von Doro und Anyanwu ab und erfährt nach und nach mehr über Hintergründe und Motivation der Figuren.

Lesenswert: ***** – Absolut. Ich frage mich, warum es so lange gedauert hat, bis ich Octavia Butler für mich entdeckt habe.

 

Octavia Butler: Wild Seed (1980). Die deutsche Ausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich. Ich habe die Kindle-Ausgabe gelesen.

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