Leise Töne, großes Drama

Wenn in einer Rezension über einen Roman gesagt wird, er komme „in leisen Tönen“ daher, übersetze ich das häufig in: viel Nabelschau, minimale Handlung, eine Art Kammerspiel ohne die Dialoge. Das ist natürlich vorschnell geurteilt, vor allem, wenn ich das Buch noch gar nicht gelesen habe. Dass es auch anders geht, dass in leisen Tönen Bewegendes und durchaus Spannendes beschrieben werden kann, zeigt meiner Meinung nach niemand besser als William Trevor.

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Trevors Kurzgeschichten handeln durch die Bank von Lebensdramen, die sich an den kleinen Dingen, den kleinen Gesten festmachen. Da ist zum Beispiel der geschiedenen Vater, der sich mit jedem Glas Gin mehr einredet, seine Frau komme wieder zu ihm zurück. Oder der General A.D., der in typischer Manier älterer Menschen mit viel Zeit und wenig zu tun, gerne ausführliche Schwätzchen hält. Die Dorfbewohner gehen ihm deswegen zunehmend aus dem Weg. Als selbst alte Freunde sich verleugnen lassen, fasst er sein ganzes Elend so zusammen:

My God Almighty, I could live for twenty years.

also sinngemäß: „Allmächtiger, mit etwas Pech muss ich noch zwanzig Jahre durchhalten“. Das nächste Mal an der Kasse oder im Bus also: einem einsamen älteren Menschen einfach fünf Minuten Zeit schenken.

Wie macht das William Trevor, wie gelingt es ihm, ohne theatralische Gesten, ohne melodramatisch aufgeblähte Sprache, die existenziellen Konflikte im Leben seiner Figuren so gut zu treffen?

Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass Trevor entgegen dem Mantra „Show – don’t tell“, sowohl „Tell“ als auch „Show“ verwendet. In der Geschichte „Ein Abend zu zweit“ aus dem Erzählband „Seitensprung“, übersetzt von Brigitte Jakobeit, trifft sich eine Frau, Anfang 50, alleinstehend, mit einem Mann in der Bar eines Theaters. Die Erzählung wechselt zwischen den Perspektiven der beiden und zieht einen Großteil ihrer Spannung daraus. Evelyn sucht Gesellschaft und erwartet ein gewisses Maß an Ehrlichkeit. Jeffrey hingegen, ein gescheiterter Fotograf, sucht jemanden mit Auto, der bereit ist, ihn und seine Fotoausrüstung quer durch London zu kutschieren und einfache Handlangerarbeiten zu erledigen.

Nach und nach wird den beiden klar, dass sich ihre jeweiligen Erwartungen nicht erfüllen werden. Trotzdem verbringen sie einen erstaunlich angenehmen Abend zusammen. Irgendwann lässt sich Jeffrey zu dem Eingeständnis seines beruflichen Scheiterns hinreißen und Evelyn gleitet ins Alberne ab:

Von den Fotos, für die er sich schämte, hatte er ihr nur erzählt, weil sie ihm nichts bedeutete; das nahm sie ohne Groll zur Kenntnis. Und dass er ihren Ausrutscher ins Alberne bemerkt hatte, störte sie nicht, weil auch er ihr nichts bedeutete.

Traurig, sollte man meinen. Doch auch das ist typisch für Trevor William. Er gewinnt selbst solchen Momenten etwas Tröstliches ab. So sagt der Erzähler am Ende der Geschichte:

Sie schüttelten sich weder die Hand noch fielen irgendwelche Bemerkungen über den gemeinsamen Abend, doch als sie auseinandergingen, gab es eine kleine Überraschung: Dass sie einander benutzt hatten, war von größerer Würde als alles, was ihrer Begegnung hätte folgen sollen.

Also gerade in dem Eingeständnis ihrer beider gegenläufigen Interessen und dem Akzeptieren desselben lag mehr Würde als in dem Vortäuschen einer Verliebtheit, die nicht existiert. Ein klarer Fall von „Tell“. Aber damit hört Trevor nicht auf. Es folgt ein „Show“:

Dieses Gefühl war noch vorhanden, als sie auf zwei verschiedenen Bahnsteigen warteten und ihre Züge ankamen und wieder abfuhren. Und es klang noch nach, als sie durch die flackernden Dunkelheit getragen wurden, so intim wie gemeinsam erlebte Lust.

Trevor zeigt konkret (Züge kommen an und fahren ab), wie dieses Gefühl der Würde den beiden anhaftet. Mehr noch, er nutzt ein weiteres konkretes Bild (nachklingen, flackernde Dunkelheit), um es sogar noch weiter zu erhöhen (gemeinsam erlebte Lust).

In der titelgebenden Geschichte „Der Seitensprung“ geht es um die Affäre von einem verheirateten Mann mit einer zunächst verheirateten, dann geschiedenen Frau. Eines Tages beendet er die Beziehung. Noch bevor er sich selbst darüber klar ist, dass und warum es zu Ende ist, mutmaßt sie über mögliche Gründe:

Die Scheidung war der Grund, vermutete sie; letztlich konnte er doch nicht akzeptieren, was sie getan hatte. Sie konnte sich gut vorstellen, wie er nachts wach lag, immer häufiger in letzter Zeit, immer länger, und sich durch die Scheidung in die Enge getrieben fühlte. Wie er den Atem seiner Frau hörte, ihr Murmeln im Traum, und eine Hand fasste, die unwillkürlich ausgestreckt wurde. Wie er zusah, wenn die Dunkelheit dem Licht wich, erst nur in schmalen Streifen an den Rändern der Vorhänge, durch die hin und wieder streunende Katzen kamen.

Auch hier verfährt Trevor nach demselben Prinzip: erst „Tell“ (Scheidung war der Grund), dann „Show“ mit sehr konkreten und spezifischen Details (Atem der Frau; Vorhänge, durch die streunende Katzen kommen). Diese Technik führt dazu, dass man als Leserin oder Leser zum einen versteht, worum es geht, und es zugleich miterlebt. Dieses zweifache Erfassen, erst mit dem Kopf, dann mit dem Herzen, verdoppelt gewissermaßen die Wirkung.

Nach demselben Prinzip lässt Trevor die Geschichte enden:

Als sie sich umarmten, spiegelte sich ihr Bild im Schaufenster eines Kaufhauses wider. Sie sahen nicht die Eleganz, die dieses Bild vorübergehend einfing, und hätten nie behauptet oder geahnt, dass auch ihre Affäre diese Eleganz besessen hatte. Die unausgesprochenen, aber von beiden verstandenen Regeln ihrer Liebe waren nicht verletzt worden im schmerzhaften Beenden dessen, was nicht zu Ende war und nie zu Ende sein würde. Nichts von ihrer Liebe war heute ausgelöscht worden: Das nahmen sie mit, als sie sich trennten und auseinander gingen, nicht ahnend, dass die Zukunft weniger düster war, als sie augenblicklich schien, dass ihre zarte Behutsamkeit weiter Bestand haben und sie selbst immer so bleiben würden, wie die Liebe sie für eine Zeit gemacht hatte.

Leise Töne, aber großes Drama!

Schöne Worte verorten

Es geht weiter mit dem Horten schöner Worte, dieses Mal als kleines Quiz. Die Frage ist immer diesselbe: Wer hat’s erfunden? Wer hat’s zuerst gesagt?

A. Das Large-Hadron-Collider-mäßige Zusammenballern von links und rechts

  1. FAZ
  2. Berliner Mopo
  3. Spektrum der Wissenschaft
  4. Die Welt

B. Emporlesebiografie

  1. Buchreport
  2. FAZ
  3. Die Welt
  4. Goodreads

C. Vergrämung der Vögel

  1. Naturschutz heute
  2. Hamburger Abendblatt
  3. Die Welt
  4. SZ

D. Immerschlimmerismus

  1. FAZ
  2. TAZ
  3. Stuttgarter Zeitung
  4. Apothekenumschau

E. Manchmal zerfließt die Einsamkeit in Tränen

  1. Goodreads
  2. Mopo
  3. Römische Polizei
  4. Die Welt

Und hier kommt die Auflösung:

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A 4: Derartig elementargewaltig beschreibt Jan Küveler in Die Welt den Konflikt um den designierten Intendanten der Berliner Voksbühne, Chris Dercons.

B 3: Emporlesebiografie hat was von Emporkömmling, ist somit eindeutig negativ belegt. Warum Marc Reichwein von Die WELT die anspruchsvolle Lektüre von Tobi von lesestunden mit diesem Begriff abwertet, bleibt mir ein Rätsel.

C 2: Zunächst einmal zum Begriff „Vergrämung“. Hierzu sagt der Duden:

  1. durch eine Handlung, ein Verhalten missmutig machen, jemandes Unmut erregen
  2. (Jägersprache) wiederholt stören und dadurch verscheuchen

In dem Artikel des HamburgerAbendblatts kommt der Begriff in der zweiten Variante zum Einsatz. Der Jäger Markus Musser erklärt, wie er Greifvögeln einsetzt, um Krähen und Möwen vom Flughafen fern zu halten.

D 1: Vom Immerschlimmerismus spricht ausgerechnet der Zukunftsforscher Matthias Horx. Aber keine Sorge, so lautet nicht seine Prognose, sondern er erklärt in dem dazugehörigen Artikel in der FAZ, wie Rechtspopulisten die Angst vor der Zukunft für ihre Zwecke nutzen.

E 3: „Einsamkeit, die zu Tränen zerfließt“ klingt nach dem neuesten Herzschmerz-Bestseller auf Goodreads, richtig?  Weit gefehlt. So sprach die Römische Polizei angesichts der Einsamkeit eines alten Ehepaars. Den Artikel gab’s auf Spiegel Online, insofern habe ich der Dramatik wegen ein wenig geschummelt.

 

 

Von zwei linken Füßen und einer Punktlandung

Es geht weiter mit der Kunstserie der FAZ. Zur Erinnerungen: Kulturschaffende besprechen jeweils das gute Bild eines schlechten Künstlers oder das schlechte Bild eines guten Künstlers. Ich versuche daraus Kriterien für gute Literatur abzuleiten. Dabei hat sich bisher Folgendes herauskristallisiert

  • Guter Stil allein reicht nicht aus, um gute Kunst zu schaffen
  • Lücken lassen macht Texte interessanter

Great for textures and backgrounds for your projects

In der Zwischenzeit gibt es drei weitere Bildbesprechungen in der Serie

Das bekannte Gemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein stellt Felix Krämer vom Städel Museum  vor. Obwohl das Bild sich auf unzähligen T-Shirts, Kaffeetassen, Mousepads findet, von Postern und Postkarten ganz zu schweigen, ist der Maler selbst in Vergessenheit geraten. Das mag auch daran liegen, dass – wie Krämer sagt – viele Porträts des Oldenburger Hofmalers

merkwürdig unbeholfen und steif wirken […] und auch seine Landschaften und Stillleben bleiben leblos.

Bei genauer Betrachtung des Bildes fallen nicht nur die „anatomischen Merkwürdigkeiten der Figur“ auf, nämlich die Tatsache, dass Goethes linkes Bein sehr lang ist und nicht recht zur Position des Oberkörpers passen mag. Der Dichter hat auch zwei linke Füße. Krämer bezweifelt, dass Tischbein keine rechten Füße malen konnte und weist darauf hin, dass auch keiner der Zeitgenossen sich darüber mokiert hat. Vielmehr vermutet Krämer, dass „eine fremde, unerfahrene Hand“ das unvollendete Bild fertig gemalt hat. Gerade dieser Gegensatz von handwerklichem Fehler und bildhafter Überhöhung des Dichtermotivs gefällt Krämer. Er sagt weiter

Während im Paris im Louvre über das unergründliche Lächeln von ‚Mona Lisa‘ gegrübelt wird, sind es im Frankfurter Städel Museum die zwei linken Füße Goethes, die den Besucher zum Rätseln bringen.

Das regt die Fantasie an, kein Zweifel. Ich würde trotzdem als Autorin oder Autor davon absehen, absichtlich grammatikalische Fehler in meinen Text einzubauen.

Im nächsten Beitrag erläutert Hans Ulrich Gumbrecht, Romanist und Literaturwissenschaftler, warum er Jackson Pollocks „Portrait and a Dream“ für das schlechte Bild eines guten Künstlers hält.

Pollock ist heute vor allem für sein „Action Painting“ bekannt. Mit dieser Spritz- und Tropftechnik (drip painting) vollzog er, so Gumbrecht, wie auch andere Maler seiner Zeit den „Schritt in die Gegenstandslosigkeit“, „in die große Abstraktion“. „Portrait and a Dream“ rückt von dieser Technik wieder ab und entstand – ganz klassisch – an der Staffelei.

Das Bild zeigt ein kubistisch angehauchtes Portrait auf der rechten Seite und „den Traum“, ein abstraktes Liniengeschlängel auf der linken. Gumbrecht missfällt, dass der „Traum“ zwar auf den ersten Blick an die abstrakten „Action Paintings“ erinnert, dann aber doch Konkretes andeutet. Ein Bein blitzt auf, ein Tierkörper krümmt sich, nur um sich bei genauerem Hinsehen wieder aufzulösen. Das Bild, so Gumbrecht, teile nicht die

Freiheit von der Welt der Dinge (Zitat des Kunsthistorikers Michael Fried)

wie Pollocks anderen, abstrakten Werke. Damit habe der Maler einen „Schritt in die Vergangenheit vollzogen.“ In anderen Worten: Das Bild wäre gut, wäre es dreißig Jahre früher erschienen. Es spielt also eine Rolle, wann eine Technik eingesetzt wird. War das Reimen zu Hölderlins Zeiten gang und gäbe, führt es heutzutage (in der Regel) zu hochgezogenen Augenbrauen – es sei denn, es gelingt damit etwas wirklich Neues zu erschaffen.

Es geht weiter mit Pollock bzw. dem an Pollock erinnernden Bild von Norman Rockwell. Der Maler und Illustrator ist jedem Amerikaner ein Begriff. Hierzulande ist der Künstler vermutlich am ehesten für die pausbäckigen Kinder auf Kelloggs-Blechdosen und dem Frühstücksgeschirr des Cornflakes-Herstellers bekannt. „Avantgarde und Kitsch“ betitelte der Kunstkritiker Clement Greenberg dann auch einen Essay, in dem er Rockwell das „kapitalistische Pendant“ zum russischen Sozialen Realismus nannte.

„Sein Dripping ist gar nicht so übel“, meint Georg Imdahl, Professor an der Kunstakademie in Münster, in seinen Beitrag über Rockwell. Das Bild, das Imdahl begeistert, nennt sich „The Connoisseur“ und stellt einen Herrn mit Hut und Regenschirm dar, der sich ein bunt bespritztes und betropftes Gemälde betrachtet. Das, so Imdahl, hätte Pollock nicht schöner malen können. Es handelt sich also um ein Bild im Bild mit einem distantierten Betrachter davor (und dem Leser des Artikels hinter der Zeitung). Rockwell gelingt es – so Imdahl –

eine besondere Mischung aus Respekt und Distanz gegenüber der modernen Kunst

darzustellen und damit die „kunstsoziologische Analyse“ der Zeit genau auf den Punkt zu bringen.

Eine Einsicht in Worte zu destillieren und so zu formulieren, dass sie sich für die Leser erschließt – das ist ein lohnenswertes Ziel für jeden Schreibenden.

Hirn-Hack-Rezept von @HorrorWriters

Zugegeben, der Titel ist etwas irreführend. Es geht in dem von @HorrorWriters erwähnten Beitrag von Jessica Brody nicht um Splattertexte geschweige denn um blutspritzende Videos, sondern um das wesentlich harmlosere, für die davon Befallenen aber trotzdem hirnzermarternde Phänomen der Schreibblockade.

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Zur Schreibblockade und wie man sie überwinden kann, ist schon viel gesagt worden. Zum Beispiel gibt es bei PR-Doktor Tipps und Einblicke von 26 bekannten Autoren, Bloggern, Berufsschreibern und hier etwas von mir zu dem Thema. Häufig beruhen die Vorschläge darauf, mithilfe verschiedener Kreativitäts- und Motivationstechniken das eigene Tief zu überwinden. Brodys Ansatz ist ganz anders – sie sagt sich: Wozu gibt es Technologie? Entsprechend nennt sie ihren Ansatz dann auch „Hacking the Magic“ und verwendet eine Methode, die sich Brainwave Entrainment nennt.

Die Idee dahinter ist, dass man das Gehirn so beschallt, dass sich die „richtigen“ Gehirnwellen und damit der gewünschte Geisteszustand einstellt. Wissenschaftliche Belege habe ich für das Ganze auf die Schnelle nicht gefunden, aber es ist mit solchen Dingen ein bisschen wie in der Medizin: Solange es hilft, ist es egal warum. Deswegen habe ich auch sofort einen Selbsttest unternommen und mir die vorgeschlagene Brain Wave App für €3,99 heruntergeladen. Schließlich laboriere ich schon lange an einer #InstantStory herum, zu der mir nichts einfallen will. Ich dachte mir, vielleicht klappt es ja mit Hirnwellen-Therapie.

Als Erstes wählt man den angestrebten Geisteszustand aus, zum Beispiel „Problemlösen“ (Problem Solving), „Konzentration“, „Selbstvertrauensschub“ (Confidence Boost). Ich entscheide mich für „Kreativitätsschub“. Dann wählte man die Umgebungsgeräusche bzw. die Musik dazu aus. Diese überlagen die eigentliche Hirnwelle (brain wave), die wie ein Brummen klingt. Ich wähle „Atmospheres: Serenity“, also Gelassenheit. Dann wählt man die Dauer aus, in meinem Fall 10 Minuten. Da drunter schaffe ich keine vernünftigen bzw. kreativen Gedanken. Und los geht’s.

Zehn Minuten sind um. Das war echt eine Erfahrung – aber völlig anders als erwartet. Obwohl ich „Gelassenheit“ gewählt habe und die App diese in eine sanfte Brandung mit einer ganz angenehmen Art New Age Musik übersetzt hat, habe ich mich geradezu gestresst gefühlt. Das lag vor allem an dem Wummern der darunter liegenden Brain Waves, die trotz allem zu hören waren. Es ist ein bisschen, wie wenn man mit offenen Fenstern Auto fährt und es plötzlich in den Ohren dröhnt. Das Vibrieren ist kaum auszuhalten und man drückt sofort hektisch den Fensterheber, um dieses überaus unangenehme Wummern möglichst schnell abzustellen.

Hat das Programm meine Kreativität gefördert? Es ist mir auf jeden Fall viel eingefallen. Sämtliche düstere Geschichten, die ich in letzter Zeit gelesen oder gesehen habe, angefangen von Cruz Smiths Fledermaus-Albtraum Flügel der Nacht über AnnaIn in den Katakomben von Olga Tokarczuk bis zu den Ascheflocken der Anderwelt aus Stranger Things. Dafür also ein „Daumen hoch“. Das Thema habe ich allerdings vollständig verfehlt. Von daher auch keine neue InstantStory heute. Wer die Methode trotzdem ausprobieren möchte, kann es auch mit einer der kostenlosen Apps versuchen, zum Beispiel BW Studio. Sie ist wesentlich einfacher zu bedienen, hat aber natürlich auch nicht so viele Einstellungsmöglichkeiten.

 

 

 

 

 

Schöne Worte horten

Es ist Sommer, vielen haben Urlaub, Zeit also, das Leben zu genießen. Was passt da besser, als in schönen Worten zu schwelgen. Und schöne – oder vielleicht treffender – beeindruckende, weil so präzise beschreibende oder bedeutungsschwere Worte – finden sich überall. Zum Beispiel im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB):

  • Einrede – was nichts mit „Jemanden solange zudröhnen, bis er einknickt“ zu tun hat – sondern damit, die Durchsetzung eines Rechts zu hindern, auch rechtshemmende Einwendung genannt. Dazu passend die
  • Hemmung – die wiederum nichts mit persönlichen Präferenzen oder Schwierigkeiten zu tun hat, sondern die Hinderung eines Geschehens oder Ablaufs darstellt oder
  • Gesamthandsgemeinschaft – bezeichnet umgangssprachlich eine Gruppe von Personen, denen etwas gemeinsam gehört

Definitiv Top of the Charts ist allerdings die Dunkelnorm – eine Norm, die nicht angewendet wird.

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Die Hortenkacheln von Egon Eiermann (ehemaliges Hortenhaus, Hamburg, Mönckebergstraße 2) von Wolfgang Meinhart, Hamburg.

Rezensionen sind ebenfalls eine gute Quelle für ausgesprochen gelungene Formulierungen. So zum Beispiel in der Besprechung von Markus Krajweskis Bildband über die Fassaden deutscher Nachkriegsarchitektur und die „Verkachelung der deutschen Innenstädte“ mit dem grandiosen Titel:

Die Verschweinung des Lebens durch Keramik

Der Architekturkritiker Michael Mönninger spricht im weiteren Verlauf seiner Rezension vom „bis zur Selbstauslöschung gehenden Waschzwang“ und von

seelentötenden Lochfassaden […], bei denen das muffige Schwitzwasser aus allen Gummidichtungen quillt

Ich kann das alte Hortenkaufhaus förmlich vor meinen Augen sehen.

Das Buch empfiehlt Mönninger übrigens nur bedingt. Wenn es um Architektur geht, argumentiere der Autor mit „feuilletonistischem Witz“. Sobald Krajewski aber Historisches oder Philosophisches behandle, schlage das in „kenntnisfreie Besserwisserei“ um.

Oder, vielleicht ganz hilfreich für Urlauber, falls sie sich in eine finstere Gasse verlaufen: Mehmet Atas (@MehmetAta82) „Fünf Techniken zum verbalen Straßenkampf“. Das spielt sich zwar mehr auf der semantischen Ebene ab, ist aber trotzdem instruktiv. Zum Beispiel Atas Anleitung für einen gekonnten „Was-Kontor“.

Jemand quatscht dich schräg an.

Ey, du siehst ja scheiße aus!

Dann, so Ata, setzt man einfach nur ein „Was“ davor und wiederholt den Satz.

Was ich sehe scheiße aus?

Oder noch besser:

Was scheiße aussehen?

Das verschafft Luft zum Nachdenken und vor allem letztere Variante irritiere dein Gegenüber, da keine echte Frage. Der andere muss erst mal nachdenken, was damit gemeint ist.

In diesem Sinne wünsche ich gelungenes und provokationsfreies Wörterhorten und würde mich natürlich über Kommentare zu euren Lieblingswörtern und aufgeklaubten Sprachschätzen freuen.

 

Was eine Autorin von einem Dandy lernen kann

Es lohnt sich hin und wieder über den Zaun des eigenen Schaffens zu blicken. Die FAZ hat eine neue Serie begonnen, in der es darum geht, was gute Kunst ausmacht. In jedem Beitrag stellt ein hauptberuflich mit Kunst Beschäftigter entweder

  • Ein gutes Bild eines schlechten Künstlers
  • Oder ein schlechtes Bild eines guten Künstlers

vor. Ich finde ja, objektive Kriterien für gute Kunst zu definieren, ist noch schwerer, als dies für Literatur zu tun. Immerhin kann man bei Literatur über die Grammatik mäkeln oder auf abrupte Perspektivenwechsel hinweisen. Deswegen habe ich mir angeschaut, welche Kriterien die Autoren der Serie verwenden und versucht, diese auf die Literatur zu übertragen. Die Serie läuft noch. Im Folgenden daher nur eine erste Zwischenschau.

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Den Anfang macht Daniel Birnbaum, der Direktor des Moderna Museet in Stockholm, mit dem guten Bild eines schlechten Künstlers. Er stellt „Träume und Phantasien 1“ vor, ein Aquarell des schwedischen Malers Nils Dardel – in den Worten Birnbaums: „Der Dandy aus der obersten Liga.“

Brinbaum bescheinigt dem Maler, seinen eigenen Stil zu haben. Es gebe dafür im Schwedischen sogar einen eigenen Namen, den „Dardelismus“. Dieser Stil besteht laut Birnbaum aus

einer eigentümlichen Mischung von Surrealismus und märchenhafter Phantasie, oft mit makaberen Bestandteilen

Mangelnder Stil ist also noch kein hinreichendes Kriterium für schlechte Kunst oder umgekehrt formuliert: auch mit eigenem Stil kann man schlechte Bilder produzieren.

Mit diesem Stil passt Dardel „nicht richtig in die Zeit“. Trotzdem oder gerade deswegen, sagt Birnbaum, sind solche

exzentrischen, vielleicht auch dekadenten Künstler […] – ein wenig neben der Gegenwart, ohne komplett in ihre aufzugehen und sich ihr anzupassen – […] für neuere Generationen oft ergiebigere Quellen der Inspiration als die großen Pioniere, die kaum mehr in Frage gestellt werden können.

Das mag ein Kriterium für die Bedeutung eines Künstlers sein, als Kriterium für gute Kunst scheint mir allerdings „Quelle der Inspiration“ nicht auszureichen. Schauen wir uns also an, welche Kriterien im nächsten Beitrag Verwendung finden.

Da geht es um das „Lächeln der Königin“, genauer gesagt eine Porträtaufnahme von Queen Elizabeth II. und Prince Philipp. Charlotte Klonk, Professorin für Kunst und Medien an der Humboldt Universität, erläutert, warum sie Thomas Struths Fotografie für gescheitert hält. Ihr fehlt eine

„über die Projektion hinausgehende Dimension“.

Auch öffne Struths Porträt keine „Raumfluchten, die dem Porträtierten historische Tiefe geben“.  Die Fotografie sei zu „affirmativ“, um gute Kunst zu sein. In anderen Worten: Der Subtext, das Mehrschichtige, das Rätsel fehlt. Mit Sicherheit ist das ein Kriterium, das man auch auf das Schreiben übertragen kann.

Lässt der Text Lücken, das heißt Raum für den Leser oder die Leserin, sich selbst ein Bild zu machen? Oder wird alles im Wortsinne ausbuchstabiert, jeder Gedanke ettiketiert, jeder Zweifel ob der Motivation oder Gefühlslage der Figuren ausgemerzt? Von der „Queen“ lässt sich also lernen, egal ob Autorin oder Autor.

🔵 🔵 Monday morning blues 😒 😞

Ich dachte, anlässlich des #WorldEmojiDay gestern kann man einen Beitrag ja auch mal so beginnen (Original von @GetEmoji). Ich bin nämlich passend dazu auf einen Tweet des Tagesspiegel am Sonntag gestoßen, in dem ein Lyrikrätsel vorgestellt wurde. Die Auflösung dazu habe ich zwar auf der Webseite noch nicht gefunden, dafür aber die des letzten Rätsels. Sie wird von dem Schauspieler Sebastian Schwarz vorgelesen.

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Es gibt ein paar Übersetzungsapps Englisch – Emoji, aber bis jetzt hat mich noch keine überzeugt. Wenn man also Text auf emoji schreiben möchte, setzt man sich besser selber dran. Immerhin: eine gute Übung für das Visualisieren (abstrakter) Gedanken. Nicht das Schlechteste für eine Autorin oder einen Autor um überbordende Sprechblasen der eigenen Figuren zu vermeiden.

Nicht so knifflig wie die Lyrikrätsel des Tagesspiegel am Sonntag aber auch unterhaltsam ist das Titelraten des NDR. Wer sich gleich an ganzen Romanen in emoji versuchen will, der kann mit Pride and Prejudice beginnen. Das Buch ist ab Dezember erhältlich. Deswegen gibt es auch noch keine Vorschau und ich kann leider nichts über die Qualität der Übersetzung sagen.

Der Frage Können Emojis auch Literatur? geht Linda Englisch auf Digitur nach. Sie zitiert Fred Benenson, den Herausgeber von Emoji Dick – ehemals: Moby Dick -, der selbst eingesteht, dass die Übersetzung in großen Teilen nicht verständlich sei. Erik Spiekermann, „ein bekennender Emoji-Hasser“, hält Emojis für einen kulturellen Rückschritt. Wie jemand dazu ganz richtig anmerkte: Was wären die vielen Rätsel ohne Emojis?